Stück Kategorie: Bärenreiter

  • Fair Play *

    A FAIR QUARREL hatte aller Wahrscheinlichkeit nach im Jahre 1616 (dem Todesjahr Shakespeares) in London Premiere und war so erfolgreich, daß es 1617 gedruckt und, um eine komische Szene ergänzt, wiederaufgenommen wurde. Es hielt sich über viele Jahre bis zur Schließung der Theater durch die Puritaner auf den Spielplänen verschiedener Londoner Bühnen und wird bereits 1662 wieder erwähnt.
    Um 1609 waren romantische Tragikomödien im Stil Beaumonts und Fletchers in Mode gekommen, deren Einfluss in den folgenden Jahren für Middleton bestimmend wurde. Als das gelungenste Stück dieser Periode darf wohl A FAIR QUARREL bezeichnet werden. Es vereinigt die realistischen und satirischen Elemente der frühen Bürgerkomödien mit der tragikomischen Ironie der neuen Form des Dramas und zeichnet sich durch eine auffallende, sehr modern anmutende Psychologisierung einiger Figuren aus.
    Thema von A FAIR QUARREL ist die Brüchigkeit und Fragwürdigkeit von Begriffen wie „Ehre“, „guter Ruf“ und „Ansehen“, und dieses Thema wird auf drei sehr unterschiedlichen Handlungsebenen vorgeführt, gespiegelt, variiert und parodiert.
    Was das Stück auch auszeichnet, ist die Art und Weise, wie es Sprache vorführt: statt als Mittel der Verständigung zu dienen, schafft Sprache Mißverständnisse, dient der Verschleierung und Täuschung, oder sie löst sich auf in Bedeutungslosigkeit, wie in der Nonsense-Sprache der „Krawallierer“. Ihr kraftmeierndes und anzügliches Kauderwelsch ist nur das auffälligste Beispiel für den Widerspruch, der entsteht, wenn Sprache die Kommunikation nicht mehr fördert, sondern verhindert. Das gilt auch für das Medizinerlatein des Wunderarztes, das Pidginenglish der holländischen Amme, den Fachjargon der Duellierer und Ringkämpfer, wie die Vulgärsprache der Dirnen. Und die übrigen Figuren üben sich in der Kunst der Andeutungen, Spitzfindigkeiten und Wortklaubereien, um ihre wahren Absichten zu verschleiern. Die vorgeführten Unsitten im Umgang mit Sprache entsprechen der allgemeinen Auflösung dessen, was einmal „gute Sitte“ war.

    Stück in 11 Szenen

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  • ✴︎

    Die Ermordung des Herrn Arden aus Feversham *

    Ein Vorfall, der sich 1551 in der Grafschaft Kent tatsächlich ereignet und die Öffentlichkeit des Elisabethanischen England nachhaltig beschäftigt hat, ist Stoff dieses Trauerspiels. Es geht um den Mord an Thomas Arden, einem als Kaufmann und Grundbesitzer reich gewordenen Bürgers aus Feversham. Er steht der Liebeslust seiner Frau Alice und Mosbys, des ehemaligen Hausverwalters eines Lords, im Wege.
    Eine makabre und groteske Serie absurder Zufälle bringt das mörderische Komplott immer wieder zum Scheitern. Als der Mord schließlich doch gelingt, wird er nicht als tragisches Ende eines unlösbaren Konflikts zwischen Täter und Opfer wahrgenommen. Das Gelingen der Tat, der brutale, hinterhältige Mord wird zum ungeduldig erwarteten Ende einer realistisch, ganz und gar nicht ästhetisierend dargestellten Geschichte von Intrigen, Gier und sozialem Dünkel, in der Mr. Arden sterben muß.
    Der anonyme Autor des Stücks, der in England als Begründer des bürgerlichen Trauerspiels gilt, ist auch der erste Realist in der Geschichte des englischen Dramas. In einer Welt gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Parvenues sucht er die „einfache Wahrheit“, die er szenisch wirksam auf die Bühne bringt, auch sprachlich, indem er die Verschwörer in Blankversen und deren Handlanger in Prosa reden läßt. Herausragend ist die Figur der Alice Arden, der hier erstmals eine komplexe, weibliche Charakterrolle zugestanden wird, die einer kaltblütig zum Giftmord anstiftenden Frau. Auch die Mörder wie Black Will und Shakebag werden gezeichnet wie Gangster, die einer Mafiabande angehören könnten. Trotz unübersehbarer Relikte überkommenen Aberglaubens zeigt das Stück eine Welt im Wandel, der für den Beginn der Moderne steht, andauernd bis heute.

    Elisabethanisches Schauspiel in 29 Szenen

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  • 6
    Damen
    9
    Herren

    Schneesturm *

    Die Angst geht um in dieser sowjetrussischen Provinzstadt im Jahre 1938. Stalins Macht hat ihren Höhepunkt erreicht: man schnüffelt, man denunziert, man deportiert. Auch Stepan, der nach der Revolution die Frau seines offiziell toten Bruders Porfirij geheiratet hat, lebt in Angst. Denn der herzkranke Lopotuchin kennt Stepans Geheimnisse: dass Porfirij in Wahrheit fahnenflüchtig ist. Und dass Stepan selbst, obwohl gerade von der Partei befördert, Gelder nach Paris geschafft hat, um seine eigene Flucht vorzubereiten.

    Auf der Neujahrsfeier, draußen tobt ein Schneesturm, spitzt sich die Lage zu. Stepan muss befürchten, dass er aufgeflogen ist, denn aus der Hauptstadt ist ein Funktionär unterwegs, um eine Betriebskontrolle durchzuführen. Außerdem hat Soja, Stepans Nichte, die er nach dem Verschwinden Porfirijs adoptiert hat, das Lügen satt und legt vor Kommilitonen und ihrem Bräutigam eine Beichte über ihren Vater ab. Dafür wird sie sofort von der Gemeinschaft verstoßen. Richtig turbulent wird die Situation jedoch, als der so lange verschollene Porfirij völlig unerwartet selbst in der Tür steht – mittlerweile heldenhafter Kämpfer im Widerstand gegen das Franco-Regime.

    Leonid Leonow, Dostojewski-Bewunderer, Delegierter des Obersten Sowjet und einer der wichtigsten Schriftsteller der sowjetrussischen Literatur der 20er bis 40er Jahre, leuchtet in „Schneesturm“ mit größtem psychologischen Scharfsinn die innersten Funktionsprinzipien des Totalitären aus: den Einschluss der Menschen durch das eiserne Band von Terror und Angst, das ihnen jeden Raum des spontanen Handelns und der Freiheit nimmt. Ein Stück von bewundernswertem Mut – schließlich sollte 1940, zum Zeitpunkt der Entstehung von „Schneesturm“, Stalins Schreckensherrschaft noch mehr als ein Jahrzehnt währen.

    Schauspiel in 4 Akten

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