Stück Kategorie: Hörspiel

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    Gespräch auf der großen Straße *

    Auf der großen Straße schleppt sich eine klapprige Kutsche übers Land, gezogen von drei ausgepumpten Pferden. Der Herr, sein Diener und der Kutscher reisen dem heruntergewirtschafteten Landgut entgegen, dessen Zwangsvollstreckung sich nicht mehr abwenden ließ. Die Sonne sengt. Der schwindsüchtige Herr hat Hustenanfälle. Man spricht von Gott und Geistern, Alpträumen, von der Hoffnung, aber auch von Alltäglichem, Nichtigem. Es ist eine Reise in den Tod.

    Im Angesicht eines Endes verkehren sich die Hierarchien. Breitbeinig und aufgedunsen demonstriert der Diener vorne auf dem Bock seine Schadenfreude, der Kutscher erteilt arglos Lebensweisheiten. Der Herr hingegen, dem nur in kurzen Momenten noch das Leben durch die Glieder fährt, kauert bleich und trübsinnig auf dem Rücksitz. Doch die Heimkehr rückt näher, und so langsam dämmert es Kutscher und Diener: ohne den Herrn sind auch sie preisgegeben. Und so stimmt man gemeinsam ein Volkslied an. Die Sonne sengt. Der Herr hustet. Aber ein Ende der Straße ist noch nicht in Sicht.

    Die Anatomie eines kommenden Todes: Mit einer erstaunlichen Radikalität zeigt Iwan Turgenjew in „Gespräch auf der großen Straße“ einen Menschen im Verlöschen. Radikal ist dabei nicht nur das Thema, radikal ist auch der Reduktionismus in Turgenjews Darstellung, der mitten im 19. Jahrhundert das Theater Samuel Becketts antizipiert. Die größte Meisterschaft aber liegt in der eigentümlich surrealen Überbelichtung der kurzen Szene: je klarer sich der Tod abzeichnet, desto rätselhafter erscheint das Leben.

    Auf der großen Straße schleppt sich eine klapprige Kutsche übers Land, gezogen von drei ausgepumpten Pferden. Der Herr, sein Diener und der Kutscher reisen dem heruntergewirtschafteten Landgut entgegen, dessen Zwangsvollstreckung sich nicht mehr abwenden ließ. Die Sonne sengt. Der schwindsüchtige Herr hat Hustenanfälle. Man spricht von Gott und Geistern, Alpträumen, von der Hoffnung, aber auch…

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    Entrümpelung

    Brooklyn, New York. Stephanie, Lehrerin, 48, kommt nach Hause und findet einen Brief ihres Mannes vor, in dem er ihr mitteilt, dass er sich von ihr trennen will. Ihre Depression entlädt sich in wütenden Vorwürfen gegen sich selbst, ihren Mann und dessen Geliebte, aber auch in Erinnerungen an die beglückten und verrückten Anfänge und guten Zeiten ihrer 25jährigen Ehe. Schließlich rafft sie sich aus ihrer Einsamkeit und Lethargie auf, besucht Galerien, Restaurants, Buchhandlungen und landet eines Sonntagmorgens in einem Trödelladen, wo sie in vergessenen, weggeworfenen, nicht mehr geliebten Gegenständen wühlt. Da besinnt sie sich auf sich selbst und beschließt, mit neuen Dingen neu anzufangen und sich neue Erinnerungen zu schaffen.

    Brooklyn, New York. Stephanie, Lehrerin, 48, kommt nach Hause und findet einen Brief ihres Mannes vor, in dem er ihr mitteilt, dass er sich von ihr trennen will. Ihre Depression entlädt sich in wütenden Vorwürfen gegen sich selbst, ihren Mann und dessen Geliebte, aber auch in Erinnerungen an die beglückten und verrückten Anfänge und guten…

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    Liebesbriefe auf blauem Papier

    Victor Marsden, ehemaliger Gewerkschaftsführer, stirbt an Leukämie. Sein Freund, der Kunstgeschichtsprofessor Maurice Stapelton, begleitet ihn in Gesprächen während seiner letzten drei Lebensmonate und ermutigt ihn, die Arbeit an seiner kleinen kunsttheoretischen Schrift zu vollenden. Vor seiner Frau Sonja hält Victor seine Krankheit geheim. Aber sie weiß Bescheid, hält ihr Wissen jedoch wiederum vor Victor geheim. Sie schreibt ihm Briefe, Liebesbriefe auf blauem Papier, und vollzieht darin ihre Entwicklung in der Ehe mit einem aktiven, klugen und mutigen Mann nach. Dabei werden ihre anfänglich unbeholfenen Briefe immer flüssiger, gelöster und zugleich eindringlicher. Sie entdeckt die Freude am Klang und am Leben, an der Geschichte und dem Zusammenhang von Wörtern, und das Schreiben hilft ihr, ihren Schmerz zu verarbeiten und sich zu ihrer großen Liebe zu bekennen.

    Hörspielbearbeitung von Christian Jauslin

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    Der Tod eines Bienenzüchters

    Wir werden sterben. Das wissen wir, und das unterscheidet uns von den Tieren. Wie es sein wird und wann, davon wissen wir bis zu unserem Ende nichts. Daher unsere Angst. In deren Mitte steht der Name einer Krankheit: Krebs.

    Damit ist das Zentrum der Schreckenszone benannt, die der Text von Lars Gustafsson sondiert. „Der Tod eines Bienenzüchters“ ist ein großes und radikales memento mori des 20. Jahrhunderts – eine Abfolge von Fragmenten aus den (fiktiven) nachgelassenen Tagebüchern des Lars Westin, eines ehemaligen Lehrers in den ‚besten Jahren‘. In diesen Notizen zeichnet sich nach und nach die Unausweichlichkeit seines frühen Todes ab. Die Diagnose Krebs wird zunächst in der Wahrnehmung intimer körperlicher Veränderungen vorausgeahnt, dann – als der wichtige Brief des Krankenhauses eintrifft – mit einem hohen Aufwand an Selbsttäuschung verdrängt, bis immer neue Schmerzattacken keine Ausflucht mehr zulassen.

    Die nüchterne Intensität und leidenschaftliche Präzision des Textes reichen bis in die Details der Schmerzerfahrung und der haltlosen Hoffnung hinein; sie nehmen den Zuschauer mit, ohne ihn fertig zu machen, lassen ihn am Ende in jener eigensinnigen Klarheit zurück, mit der Westin seine letzten Eintragungen macht: „Was jetzt mit mir geschieht, ist widerlich, abscheulich und erniedrigend, und niemand wird mich dazu bringen, es zu akzeptieren“. Die letzten Sätze sind eine Absage an die Trostangebote, die die Religion bereithält. Es sei die interessantere Ketzerei, sich vorzustellen, „möglicherweise habe uns ein Gott erschaffen“ und dann zu sagen, „es gebe nicht den geringsten Grund für uns, davon beeindruckt zu sein. Und schon gar nicht dankbar dafür. Wenn es einen Gott gibt, ist es unsere Aufgabe, nein zu sagen.“

    Lektüre der Aufzeichnungen Westins aus dessen Nachlass

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    Mein Name ist Rachel Corrie

    Porträt der jungen, unvollendeten Dichterin als Friedensaktivistin? Ein Stück Dokumentartheater der besonderen Art – oder die szenische Verklärung einer jungen, so naiven wie kreativen, wissbegierigen, einfühlsamen, fantasiebegabten Amerikanerin zur Lichtgestalt der internationalen Solidarität?


    Die Google-Suche ergibt dieser Tage bei der Eingabe des Namens Rachel Corrie über eine Million Treffer. Wer will und kann, mag sich daraus ein Bild machen – Fluch und Segen des Internets. Heiß verehrt und viel gescholten – Ikone der Nahost-Friedensbewegung, als Antisemitin beschimpft und gelobt – als gäbe es nur die Extreme.


    Fest steht: „Rachel Corrie wurde am 10. April 1979 in Olympia, Washington, USA geboren. Bevor sie ihr Studium am Evergreen State College in Olympia beendet hatte, schloss sie sich am 25. Januar 2003 mit Bürgern anderer Staaten dem International Solidarity Movement – eine Organisation zur Unterstützung des palästinensischen gewaltlosen Widerstands gegen Israels militärische Besetzung – zur Arbeit in Gaza an.“ (Alan Rickman und Katharine Viner in einer Vorbemerkung zu ihrem Text.) Beim Versuch, den Abriss eines palästinensischen Wohnhauses zu verhindern, wurde sie am 10. März 2003 von einem israelischen Bulldozer überrollt. 


    Der englische Schauspieler und Regisseur Alan Rickman und die Journalistin Katharine Viner haben aus dem schriftlichen Nachlass Rachel Corries, aus Tagebüchern, Notizen und E-Mails an die Familie und von der Familie einen Text zusammengestellt, der das facettenreiche, widersprüchliche, aber immer authentische Bild einer jungen Frau entwirft, deren schon früh entwickelter Sinn für Gerechtigkeit nicht nur zu sozialem Engagement in ihrer Heimat führt, sondern folgerichtig zum Wunsch nach sinnlicher Welterfahrung und Weltverbesserung. So schreibt sie an ihre Eltern: „Ich weiß, ich mache euch Angst… aber ich will schreiben, und ich will sehen. Und worüber würde ich schreiben, wenn ich nur in diesem Puppenhaus, dieser Blumenwelt, in der ich aufwuchs, bliebe?“ Für sie, die allen Verallgemeinerungen abhold ist, war die Wahrheit immer und überall konkret. Der einzige in das Stück montierte „fremde“ Außentext ist der Augenzeugenbericht des Journalisten Tom Dale vom Ende Rachel Corries.


    Und Rickman & Viner stellen ans Ende ihrer Montage einen Text der zehnjährigen Rachel, den diese bei der Pressekonferenz der fünften Klasse in ihrer Schule zum Thema Welthunger gesprochen hat und der mit den Sätzen beginnt:


    „Ich bin hier für andere Kinder.


    Ich bin hier, weil ich mir Sorgen mache.


    Ich bin hier, weil überall Kinder leiden und weil täglich vierzigtausend Menschen des Hungers sterben.“


    Und am Ende ihres gedichtähnlichen Textes steht die Hoffnung auf ein menschenwürdiges Leben für alle Menschen.


    Diese Hoffnung will und kann auch dieser von Rickman und Viner zusammengestellte Text wecken.


    (Bernd Samland)


     


    Rachel Corrie war etwas konfus, mager und Kettenraucherin, sie liebte Dalí, stellte Tätigkeitslisten auf und hatte eine Leidenschaft für die Musik von Pat Benatar. Den ihr Nahestehenden wäre es lieber gewesen, sie hätte Berühmtheit nicht durch ihren Tod als blonde, junge, idealistische Amerikanerin erlangt. Drei Jahrzehnte, bevor sie von einem D-9 Bulldozer getötet wurde, hatte ihr Vater in Vietnam selbst Bulldozer gefahren.


    Für die Palästinenser wurde sie zur Märtyrerin, ein Opfer der Intifada, die der mächtigen israelischen Armee die Stirn geboten hatte. Viele Israelis allerdings betrachteten sie bestenfalls als naiv, weil sie sich in eine Situation einmischte, die sie nicht verstand. Und in den Augen einiger Amerikaner war sie sogar eine Verräterin. Internet-Seiten lärmten: „Sie sollte für ewig in der Hölle schmoren“; “ Schmeißt sie auf den Müll, wo sie hingehört“; „Ich bin froh und glücklich, dass sie tot ist“.


    Mit diesem Theaterstück wollten wir die junge Frau hinter dem politischen Symbol, zu dem sie geworden ist, über ihren Tod hinaus erkennbar machen: Weder Heilige noch Verräterin, ernsthaft wie lustig, konfus und talentiert, von verhängnisvollem Weitblick und doch unversehrt in ihrer Menschlichkeit. Oder, in ihren eigenen Worten: „Chaotisch und unangepasst und zu laut.“


    (Katharine Viner)

    Porträt der jungen, unvollendeten Dichterin als Friedensaktivistin? Ein Stück Dokumentartheater der besonderen Art – oder die szenische Verklärung einer jungen, so naiven wie kreativen, wissbegierigen, einfühlsamen, fantasiebegabten Amerikanerin zur Lichtgestalt der internationalen Solidarität? Die Google-Suche ergibt dieser Tage bei der Eingabe des Namens Rachel Corrie über eine Million Treffer. Wer will und kann, mag sich…

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    Aber abseits, wer ist’s?

    Goethe und Plessing

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