Stück Kategorie: Revue

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    Damen
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    Herren

    DIE DREI BILLIONEN DOLLAR OPER
    oder
    RETTE SICH WER KANN

    Der Alte aus Weimar hat es geahnt: Mephisto, Teil von „jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“, arbeitet im 21. Jahrhundert in einer Großbank. Genau genommen ist Dr. Meph – wir leben schließlich in Zeiten der SMS – Anlageberater und Superbroker bei der systemrelevanten Südbank und kriecht in die Seelen seiner Kunden, um ihnen windige Immobilienfonds und Zertifikate zu verkaufen. Meph, der nun einmal aus einem anderen Jahrhundert stammt, kann nicht anders, als die Fachsprache der Investmentbanker in Knittelverse zu übersetzen. Mit dieser Marotte steckt er im Laufe des Stücks die meisten seiner Mitspieler an; sein Refrain „In der Krise bleiben wir extrem lebendig/denn wir sind systemnotwendig“ trifft den Konsens. Auch sein hochtalentierter und ehrgeiziger Lehrling Victor, der in Harvard Wirtschaftsmathematik studiert und sein Praktikum an den Roulette-Tischen von Las Vegas absolviert hat, lernt reimen. Allerdings will er nicht nur Mephs Reime, sondern auch dessen Wissen modernisieren. Er glaubt an die Berechenbarkeit der Märkte – und verrechnet sich.

    Dass der Taxifahrer Joe, in seiner Naivität und Unfähigkeit zum Reim eher ein Sympathieträger, sich hoffnungslos mit Mephs faulen Anlagen verschuldet, gehört noch zum traditionellen Betrugsmodell. Meph singt ihm das Motto vor: „Auf zehn geborene Hungerleider/ kommt ein geborener Halsabschneider“. Aber erst Victor, durch Mephs Kokaingaben inspiriert, stellt den Betrug auf mathematische Grundlagen und erfindet das „perfekte Finanzprodukt“. Meph ermuntert ihn: „Genau das ist doch der Kick/ niemand versteht den Trick!“ Victors zynischer Vorgesetzter Willy Schumann, der die Tätigkeit seiner Bank gerne mit Gottes Schöpfungswerk vergleicht, ist begeistert. Weniger begeistert jedoch davon, dass Victor ein Auge auf seine Tochter Beatrice geworfen hat, die Jacques Lacan liest und an die Verbesserung der Welt glaubt. Gehör findet Victor bei ihr erst, als er sich auf Mephs Rat als Kenner postmoderner Theorien und als Fan des Films „Matrix“ ausgibt: Alles, was wir für wirklich halten, ist nur Erzählung, Lug und Trug, und ganz besonders die Welt der Millisekunden-schnellen Transaktionen.

    Doch mit Menschen ist es wie mit Finanzmärkten – alles strebt auf die größtmögliche Katastrophe zu. In die Party-Stimmung der ersten beiden Akte – wir befinden uns in den Zeiten der märchenhaften Gewinne – mischen sich schon bald Geräusche des bevorstehenden Untergangs. Es knirscht und kracht im Gebälk. Beatrices Geburtstagsfeier im gediegenen Golfclub-Ambiente, zugleich eine Art Verlobungsakt zwischen Beatrice und Victor, endet dramatisch: Der doppelt betrogene Joe, der mit der Axt in die geschützte Burg des Golfclubs eindringt, fordert Rechenschaft. Doch mit einem geprellten, noch dazu alkoholsüchtigen Kunden wird man immer fertig. Ernster wird es, als Meph im Triumph die Daten des Finanz-Armageddons auf die Bühne projiziert. Mit teuflischem Vergnügen beobachtet Meph, wie die Verursacher des Desasters sich winden und jeder die Schuld beim anderen sucht. Doch ein Schuldiger – ein Opfer zur Besänftigung des Drachens – muss gefunden werden. Wer am Ende diese Rolle übernimmt und ein Zeichen setzt, ist verblüffend.

    Peter Schneiders musikalische Untergangs-Revue ist das Stück der Stunde – selten ist die heilige Kuh des „sich selbst regulierenden Marktes“ so lustvoll geschlachtet worden wie hier. Ein pointiertes, messerscharfes Stück Systemkritik, das mit Songs wie dem Lied von der fröhlichen Fahrt in den Abgrund, dem Lied von der Bereitschaft, sich ausbeuten zu lassen oder dem Weltuntergangsrap den tödlichen Ernst des Treibens der Finanzmärkte unterhaltsam auf die Spitze treibt. Wer in diesem Pandämonium aus gekauften Rating-Agenturen, erpressbaren Politikern, neunmalklugen Professoren, ehrgeizigen Bänkern und naiven Kunden die Hauptschuld trägt, möchte Meph das Publikum entscheiden lassen. Doch während sich draußen vor dem Golfclub bereits die Demonstranten sammeln, träumt man drinnen schon vom nächsten Boom. Und Beatrice singt: „Die Welt ist aus dem Gleichgewicht/ und diese Herren merken’s nicht.“

    Eine Musikalische Revue

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  • Wir sind wieder wer!

    Die 50er, ein Land im Rausch des Neuanfangs und des Konsums: man trägt Petticoats und Pfennigabsätze, reist nach „Bella Italia“ und in den Schwarzwald, mit „Persil“ macht man schön sauber, schickt den millionsten Käfer vom Band, hört dabei Elvis Presley und trinkt Coca Cola, „Keine Experimente“ wagt man mit Konrad Adenauer, stattdessen versammelt man sich abends um den nagelneuen Fernseher, denn dort läuft „Familie Schölermann“. Die 50er sind die Zeit der „Harmonielichkeit“ und des „Wirtschaftswunders“ – der Blick geht nach vorn, niemals nach hinten.

    Dabei brodelt es längst unter der Oberfläche des neubürgerlichen Biedermeier. Der Zweite Weltkrieg mit seinen Gräueln ist kaum wirklich beendet, eher mit aller Macht verdrängt, da wirft schon der nächste weltumspannende Konflikt, der Kalte Krieg, seine Schatten voraus. Ob es der Aufstand in Ostberlin ist, der Korea-Krieg, die Suezkrise, der Volksaufstand in Ungarn, Indochina, die Atombombentests über dem Bikini-Atoll und in Sibirien, die Wiederbewaffnung der BRD, oder auch die massenhafte Einwanderung der „Gastarbeiter“ – in den 50er Jahren werden die Lunten gelegt zu politischen und sozialen Verwerfungen in Europa und der ganzen Welt, die bis heute noch glimmen.

    Und so montiert Dirk Schortemeier in der Re-vue „Wir sind wieder wer!“ aus Originaldokumenten – Reden, Zitaten, literarischen oder kabarettistischen Texten und Songs – das detailreiche und lebendige Bild eines tief gespaltenen Jahrzehnts. Eines Jahrzehnts, das mehr zu sagen hat über unsere Gegenwart, als man denken mag. Denn nicht nur seine Mode und Innenarchitektur feiert im aktuellen Retro-Look eine ungeahnte Renaissance, sondern auch das politikferne bürgerliche Idyll. Dabei steht dieses Deutschland der Globalisierung vor der gleichen Aufgabe wie das Deutschland nach Kriegsende: es muss sich neu erfinden.

    Eine Re-vue der 50er Jahre

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    Damen
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    Die gestiefelte Nachtigall
    oder
    Demokratie auf dem Dach

    Bühne frei für die große Deutschland-Show: Es ist Primetime, wir haben interessante Gäste aus aller Welt, einen allseits beliebten Moderator, der durch den Abend führt, tolle Musik und ein voll gepacktes Programm für eine spannende Zeitreise durch die bewegte Geschichte unserer geliebten Nation, die zum Mitfiebern und Miträtseln einlädt: Wie gut kennen Sie Deutschland?

    Wussten Sie etwa, dass neben VW-Käfern, Waschmittel und Waffen auch das schöne Wort „Berufsverbot“ zu den absoluten Exportschlagern Deutschlands gehört? Hierzulande wird es vorzugsweise angewendet auf das Kaltstellen der politischen Linken: von den Radikalenbeschlüssen im Deutschen Bund über die Niederschlagung der Revolution 1848, die Sozialistengesetze im Deutschen Reich bis hin zur Rasterfahndung des Verfassungsschutzes im Deutschen Herbst – eine Kontinuität über sensationelle 200 Jahre! Dass man bei den radikalen Rechten hingegen Berufsverbote nur selten zu fürchten hat, zeigt die doch eher zaghafte Entnazifizierung im Nachkriegsdeutschland.

    Dezidiert parteiisch, polemisch, streitbar: Gert Heidenreichs Deutschlandrevue beantwortet Fragen, die kein Samstagabendquiz zu stellen gewagt hätte. Warum hört man in Deutschland die Nachtigall erst trapsen, wenn sie Soldatenstiefel trägt? Was ist Ihnen lieber: die Diktatur in der Hand oder die Demokratie auf dem Dach? Große Zeitzeugen wie Kaiser Wilhelm II. und Franz Josef Strauß kommen zu Wort, auch Adolf Hitler geistert – auf der Suche nach dem Klo – durch die Kulissen, auf der Prominentencouch wird der amerikanische Stargast derweil immer blasser. Wäre dies nicht eine fröhliche Revue, man müsste sie Heidenreichs große Ballade des deutschen Rechtsstaats nennen.

    Eine deutsche Revue 1819-1976

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  • Abriss

    Von Adolf Eichmann bis zum Attentäter von Oslo: Die Banalität des Bösen hat das immer gleiche, harmlose Allerweltsgesicht. Hier ist der Täter ein gescheiterter Arzt, der sich seinen Unterhalt mit Hundezucht verdient. Er spricht von Geschwüren, die entfernt werden müssen, von Schädlingen, die den Volkskörper befallen haben, vom Recht des Stärkeren und einer historischen Aufgabe, vom handlungsunfähigen Staat und vom wehrhaften Bürger, der sich das Recht nimmt, der Justiz unter die Arme zu greifen.

    Das Opfer ist Hans Staller, ein junger Bauarbeiter, der den deutschen Traum von Eigenheim und Familie träumt und mit seiner Frau Marianne auf der Suche nach einer erschwinglichen Wohnung ist. Doch die Gentrifizierung ist im vollen Gange: Kostengünstige Wohnungen werden abgerissen und weichen teuren Neubausiedlungen, die am Ende leer stehen. Als die Eltern aus ihrer Wohnung vertrieben werden sollen, will Hans ein Zeichen setzen und schreitet zum Protest: Gemeinsam mit Marianne besetzt er eine Rohbauwohnung.

    Der mediale Rummel ist enorm: Sympathisanten sehen in Haller einen Michael Kohlhaas, Gegner einen Anarchisten. Vor der besetzten Wohnung schlagen friedliche Demonstrationen in Krawalle mit der Polizei um. Die Politik aber ist machtlos, sie will es sich weder mit den Wählern noch mit den Immobilienhaien verscherzen. In diese unübersichtliche Gemengelage hinein hat der Täter seinen Auftritt: Haller hat gerade die Wohnung verlassen, um seine Eltern zu besuchen, da fallen zwei Schüsse und das Unheil nimmt seinen Lauf…

    Gert Heidenreichs „Abriss“ berichtet vom Wanken einer Gesellschaft, deren Fundament zunehmend instabil wird, je weiter sich die Schere zwischen Arm und Reich öffnet. Und die zum Einsturz gebracht wird, sobald radikale Kräfte in das Vakuum vorstoßen.

    Eine Operette in Grund und Boden

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  • Käfer-Revue

    Knubbelig, knatternd, kaum tot zu kriegen: der Käfer. Das erste Modell bekam Adolf Hitler von Ferdinand Porsche zum Geburtstag, da war der Käfer noch der „KdF-Wagen“ und sozialpolitisch getarnter Teil der Mobilmachung. Doch auch nach dem Krieg fuhr der „Kugelporsche“, Sinnbild deutscher Tüchtigkeit, weiter durchs neue Wirtschaftswunderland, wälzte sich in Blechlawinen über die Alpen und hinunter zum Badeurlaub an die Riviera. Und selbst wenn einen die Heizung dabei nicht selten zur Weißglut brachte – kein Gefährt wurde von den Deutschen so geliebt wie er.

    Heinz Ratke, Betriebsrat bei Volkswagen, hat mit dem bundesrepublikanischen Kultauto allerdings so seine liebe Mühe. Nicht nur, weil ihm wegen chronischer Überlastung bei seiner Schichtarbeit die Freundin weggelaufen ist. Oder er sich in der Lackiererei eine Bleivergiftung zugezogen hat. Viel schlimmer ist, dass die Käferproduktion stockt – 50 Jahre nach seiner Taufe durch den Führer läuft das Erfolgsmodell nicht mehr. Und nun stehen Entlassungen an. Mit dem ökonomischen Absturz kommt aber auch der moralische: die dunklen Seiten der glänzenden Käfer-Geschichte treten ans Tageslicht.

    Dirk Schortemeier verknüpft in seiner „Käfer-Revue“ virtuos die Geschichte der Arbeiterfamilie Ratke mit dem Schicksal des vierrädrigen Titelhelden des deutschen Nachkriegsaufschwungs. Zwischen bunten Show-Nummern, kabarettistischen Einlagen und Songs wie Zarah Leanders „Davon geht die Welt nicht unter“ oder Hans Albers’ Interpretation von „Goodbye, Johnny“ lässt Schortemeier kein heißes Eisen aus: Nazi-Vorgeschichte, Zwangsarbeit, die ausbeuterischen Praktiken der VW-Werke in Südamerika, Arbeitslosigkeit und Umweltverschmutzung. Dabei entsteht ein schillernd abgründiges Panorama zu einem der zentralen Kapitel der jüngeren deutschen Vergangenheit.

    In zwei Teilen

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