Melanie, 35, ist Komponistin und Balladensängerin. In ihrem Tonstudio, allein mit sich und ihrer Musik, entwirft sie einen Brief an ihre elfjährige Tochter. Ein „Wie-sag-ichs-meinem-Kinde“-Brief soll es werden, ein Brief mit vielen guten Ratschlägen einer lebenserfahrenen Mutter an ihr Kind – ein Kind, das sie nicht wollte, das sie ohne Vater aufzog, das sie innig liebte und das ihr oft beschwerlich war, wenn sie Kinderpflege und Beruf zu vereinbaren hatte. Melanie fällt das Schreiben schwer, ihre Gedanken schweifen ab, wandern zurück in die eigene Kindheit und wieder zurück in ihr gegenwärtiges Leben, das sie kritisch und melancholisch darauf untersucht, ob es noch einmal neu und anders werden könnte. Zwischendurch repariert sie notdürftig eine Steckdose, und sie singt. Am Ende bleibt der Brief noch unvollendet, aber ihre guten Ratschläge haben sie selbst aufgemuntert und ermutigt, und sie arbeitet mit neuer Energie an ihrer Musik.
Brief an eine Tochter
Verfasst von
in
Stück in sechs Teilen
Wesker, Arnold
ARNOLD WESKER, geboren 1932, verhalf in den 50er und 60er Jahren – wie auch John Osborne, John Arden, Shelagh Delaney, Harold Pinter und andere – dem englischen Drama zu neuem internationalen Ansehen. Nach frühen Stücken über den englischen Alltag und seine Arbeitswelt, die von großem sozialkritischem Engagement getragen sind („Hühnersuppe mit Graupen“, „Tag für Tag“, „Nächstes Jahr in Jerusalem“, „Die Küche“, „Alles mit Bratkartoffeln“, „Goldene Städte“, „Journalisten“), wandte er sich intimeren und privateren, aber auch großen historischen Themen zu („Vier Jahreszeiten“, „Die Freunde“, „Die Alten“, „Das Hochzeitsfest“, „Shylock“, „Liebesbriefe auf blauem Papier“, „Blockade“). Er schrieb die Frauenmonologe „Annie Wobbler“, „Betty Lemon“, „Brief an eine Tochter“, „Entrümpelung“, „Meine Mutter lebte auf einem anderen Stern“ und „The Mistress“. Mit seinem literarischen Werk, das außer Dramen auch Fernsehspiele, Drehbücher, Erzählungen, Essays und eine Autobiographie umfasst, gehört Wesker zu den produktivsten und engagiertesten Schriftstellern seines Landes. Mittlerweile hat in England, wo Wesker es im Laufe seiner Karriere vom einfachen Koch zum königlichen Ritter geschafft hat, die Wesker-Renaissance begonnen: mit Wiederaufführungen von „Die Küche“ (National Theatre, Olivier) und „Hühnersuppe mit Graupen“ am Royal Court Theatre (Regie: Dominic Cooke). James Macdonald hat im Oktober 2013 „Tag für Tag“, Mittelstück der berühmten Wesker-Trilogie, am Donmar Warehouse im Londoner West End inszeniert.