„Déjàvu“ ist die Fortschreibung von „Blick zurück im Zorn“, voller Rückbezüge auf das vor 40 Jahren in Milieu und Sprache theaterrevolutionäre Stück. Theatermacher und Zuschauer sehen ihre persönliche Lebensgeschichte in denselben Figuren reflektiert, die vor 40 Jahren zum erstenmal das Bühnenlicht erblickten und, wie sie selbst, älter geworden sind. Wie ein plötzliches Déjàvu-Erlebnis große Wachheit in einem hervorruft, lenkt „Déjàvu“ das Augenmerk wie in einem Brennspiegel auf die Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse. Die Träume der beiden Sprößlinge aus der Arbeiterklasse – Jimmy Porter, jetzt J.P., eine bekannte Medienfigur, und Cliff Lewis, inzwischen Fernsehredakteur – haben sich erfüllt. Aber diese Erfüllung – eine Gesellschaft der Gleichheitschancen für jeden, in der das Trendbarometer Orientierung gibt – wird als noch schlimmerer Verlust von Werten empfunden als nach dem Zweiten Weltkrieg die Orientierungslosigkeit. Jimmy Porters Zorn ist in „Déjàvu“ zur heillosen Melancholie geworden, obwohl Unempfindlichkeit und Schicksalsergebenheit seiner Umwelt immer noch den Furor rhethoricus in ihm entfachen. Seine Tochter Alison aus zweiter Ehe ist zu Besuch, mit deren Freundin Helena gibt es eine fast ironische Liebesgeschichte – aber am Ende bleibt J.P. allein mit dem Teddybär, in dem er sich mit seinem „Eichhörnchen“ Alison in „Blick zurück im Zorn“ ironisch portraitiert hatte. In einem verzweifelt selbstbewußten Showdown-Solo auf dem Bühnenparkett verheißt er dem Maskottchen der Mittelmäßigkeit den Sieg.
Déjàvu
Verfasst von
in
Stück in 3 Akten
Osborne, John
JOHN OSBORNE wurde 1929 in London, Chelsea, geboren und wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Mit 12 verlor er seinen Vater, der an Tuberkulose starb. Er besuchte ein Internat in Devon, musste die Schule jedoch verlassen, weil er die Ohrfeige des Rektors mit einem Fausthieb beantwortet hatte. In der Zeit danach kämpfte er sich durch, zunächst als Journalist, dann als Schauspieler und Regieassistent. Sein erstes Stück, „The Devil Inside Him“, erschien 1949. Der weltweite Durchbruch als Dramatiker gelang ihm 1956 mit „Blick zurück im Zorn“ am Londoner Royal Court Theatre. Es folgten „Der Entertainer“ (1957), „Epitaph für George Dillon“ (1958), „Luther“ (1961) u.a. – Werke, die Osbornes Ruf als Rebell, als der erste einer Generation von „angry young men“ festigten. Darüber hinaus war er tätig als Fernsehautor und Filmproduzent. 1964 wurde er für das Drehbuch zur Verfilmung von Henry Fieldings Klassiker „Tom Jones“ mit dem Oscar ausgezeichnet. Er veröffentlichte zwei Autobiographien: „A Better Class of Person“ und „Almost a Gentleman“. John Osborne starb am 24. Dezember 1994 im Alter von 65 Jahren. In seinem Stück „Déjàvu“, uraufgeführt am 8. Mai 1992, auf den Tag genau 36 Jahre nach der Uraufführung von „Look Back in Anger“, treten Jimmy Porter und Cliff Lewis erneut auf, 36 Jahre älter und beruflich erfolgreich. Die Träume der beiden Mutanten aus der Arbeiterklasse haben sich erfüllt. Aber die Erfüllung wird als noch schlimmerer Verlust empfunden als in den Fünfziger Jahren die Orientierungslosigkeit.