Venedig und jüdisches Ghetto 1563. Alltagswelt in einer sehr konkret geschilderten politischen und wirtschaftlichen Situation. Wesker benutzt dieselben drei Novellen wie Shakespeare für seinen „Kaufmann von Venedig“, kehrt das Verhältnis zwischen dem Juden und Geldverleiher Shylock und dem Christen und Kaufmann Antonio jedoch um: Sie sind Freunde. Shylocks Anspruch auf das Pfund Fleisch aus Antonios Körper ist nicht ein Racheakt des Juden, sondern die Folge einer übermütig die Gesetze herausfordernden Handlung beider, die Antonio nicht nur billigt, sondern sogar im Interesse des Freundes verlangt. Shylock und Antonio geraten mit ihren individuellen Überzeugungen und Ansprüchen in unlösbaren Widerspruch zu den Forderungen, die die Gesellschaft an sie stellt. Shylock verliert seinen Besitz und emigriert nach Palästina, Antonio verliert seinen Freund, Portia muss einen Mann heiraten, dem sie misstraut, und Jessica entdeckt zu spät, dass sie einen religiösen Fanatiker geheiratet hat. Ein Stück über die Leidenschaft, in unmenschlicher Zeit ein Menschenfreund zu sein.
Shylock
Verfasst von
in
Stück in 3 Akten
Wesker, Arnold
ARNOLD WESKER, geboren 1932, verhalf in den 50er und 60er Jahren – wie auch John Osborne, John Arden, Shelagh Delaney, Harold Pinter und andere – dem englischen Drama zu neuem internationalen Ansehen. Nach frühen Stücken über den englischen Alltag und seine Arbeitswelt, die von großem sozialkritischem Engagement getragen sind („Hühnersuppe mit Graupen“, „Tag für Tag“, „Nächstes Jahr in Jerusalem“, „Die Küche“, „Alles mit Bratkartoffeln“, „Goldene Städte“, „Journalisten“), wandte er sich intimeren und privateren, aber auch großen historischen Themen zu („Vier Jahreszeiten“, „Die Freunde“, „Die Alten“, „Das Hochzeitsfest“, „Shylock“, „Liebesbriefe auf blauem Papier“, „Blockade“). Er schrieb die Frauenmonologe „Annie Wobbler“, „Betty Lemon“, „Brief an eine Tochter“, „Entrümpelung“, „Meine Mutter lebte auf einem anderen Stern“ und „The Mistress“. Mit seinem literarischen Werk, das außer Dramen auch Fernsehspiele, Drehbücher, Erzählungen, Essays und eine Autobiographie umfasst, gehört Wesker zu den produktivsten und engagiertesten Schriftstellern seines Landes. Mittlerweile hat in England, wo Wesker es im Laufe seiner Karriere vom einfachen Koch zum königlichen Ritter geschafft hat, die Wesker-Renaissance begonnen: mit Wiederaufführungen von „Die Küche“ (National Theatre, Olivier) und „Hühnersuppe mit Graupen“ am Royal Court Theatre (Regie: Dominic Cooke). James Macdonald hat im Oktober 2013 „Tag für Tag“, Mittelstück der berühmten Wesker-Trilogie, am Donmar Warehouse im Londoner West End inszeniert.