Howard Katz


Howard Katz
(Howard Katz)
Stück in 2 Akten
Deutsch von Gert Heidenreich
3 D, 5 H, 1 K, Verw - Dek
Man muß ihn nicht mögen, diesen Schauspielagenten Howard Katz, ja eigentlich ist er ein äußerst schwieriger Zeitgenosse, ein Ekel, aber dann auch wieder ein kleiner alter großer Junge, der nur eines versucht: den Träumen seiner Seele nachzuleben und zu finden, was ihn vielleicht noch glücklich macht.

Patrick Marber hat nach seinem Welterfolg "Closer", auf Deutsch "Hautnah", nun eine Männergestalt auf die Bühne gestellt, die durch unsere Zeit taumelt wie ein eigenartiges Zwitterwesen aus Falstaff und Hiob, ein Mann, der alles verliert und nicht weiß, ob dies nötig war, um alles zu gewinnen: Leben.

Wie gute Geschichten meistens, ist die des Howard Katz einfach. Er ist um die Fünfzig, hat Frau und Sohn, lebt in engem Kontakt zu seiner Familie: Vater, Mutter, Bruder. Von Beruf Vermittler von Theaterleuten, nimmt er in einer Agentur jenen Platz ein, der am schwierigsten ist: er soll die gescheiterten Träumer im Showbusiness unterbringen, die Unzufriedenen und Sehnsüchtigen, ihm schiebt man die Vierteltalente zu. Katz nimmt sie ernst, er achtet und verachtet sie zugleich, kümmert sich um sie, tröstet sie, verschafft ihnen Jobs – aber er schreit ihnen auch ins Gesicht, dass sie untalentiert sind, er telefoniert brutal, er lobt falsch und über den grünen Klee – man fragt sich bald: was sucht dieser Mann? Wohin will er in seiner Beschäftigung mit dem Selbstmord?

In einer raffinierten Dramaturgie, die scheinbar traumgleich voranschreitet, streng psychologisch jedoch von den Assoziationen der Hauptfigur bestimmt ist, gleiten wir wie Seiteneinsteiger in dieses Leben. Das Stück entwickelt sich biografisch, retrospektiv, und ebenso sprunghaft, wie unsere Selbstbeschreibung im subjektiven Erinnern verläuft. Marber nutzt die Assoziationsfolge zu einem lebendigen Wechsel zwischen bedächtigen und aggressiv hochfahrenden Szenen – das Stück ist gleichsam von Beginn an auf hoher See, in schwerem Wetter; aber es verlässt nie den Mittelpunkt: Howard Katz und seine Suche nach dem, was ihm als Antwort wirklich fehlt: Wie geht das: Leben?

Natürlich entsteht aus einem solchen Ansatz ein Stationendrama: hier erweist es sich noch einmal als faszinierendes Modell, die Neugier des Zuschauers auf ein Leben umzukehren zu einem gleichsam Brecht'schen Prozess der Erfahrung, der freilich absichtsvoll kurz vor der Brecht'schen Einsichtsvermittlung stehen bleibt: bei der Frage und ihrem Verklingen in Ratlosigkeit. Patrick Marber ist ein glänzender Beobachter und Konstrukteur. Er ist aber nicht jemand, der mit Antworten entlässt.

"Howard Katz" ist zugleich ein Kaleidoskop jüdischen Lebens in London, und das Judentum der Hauptfigur trägt wesentlich bei zur Zuspitzung der komödiantischen Tragödie auf die Frage des Überlebens. Howard hadert mit Gott, dessen Existenz er bei aller Sehnsucht nicht voraussetzen kann. Er nimmt diesen Gott in der Verleugnung an, will ihn beargwöhnen und im selben Atemzug zur Hilfe zwingen. Katz ist sich selbst ein Zweifel. Darin liegt die große Stärke dieses ebenso unterhaltsamen wie irritierenden Entwurfs: die Hauptfigur und ihre Liebe geraten in ein Spannungsfeld aus Nähe und Ferne, aus Neigung und Abscheu: Howards Weg ist ein fortschreitender Verlust. Seine Frau, sein Bruder, seine Freunde, seine Kollegen wenden sich von ihm ab. Warum? Weil er eine radikale Antwort will. Wie geht das: leben?

Die Kritik des Autors an der gegenwärtigen, bis ins Politische reichenden Verwechslung von Show und Existenz ist unübersehbar. Und was wir als Antworten auf existentielle Fragen möglicher-weise noch in der Tasche haben, zerfällt hier zu Gesten. Dahinter sucht, keineswegs gutmenschlich, ein ratloser Mann seinen Grund zu leben: Howard Katz, der das Ausbleiben einer gültigen Antwort überwinden will. Die große Rolle des Howard Katz mündet da aus der Lebenssuche in den unveränderlich theologischen Dialog.

Dass Katz‘ letzte Frage sich an den antwortlosen Gott richtet, ist nicht mehr bloß zeitgenössisch, nicht mehr allein jüdisch – es ist die uralte Frage des Dramas.

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