Don Juan in Soho


Don Juan in Soho
(Don Juan in Soho)
Komödie in 5 Akten
Deutsch von Gert Heidenreich
3 D, 7 H, Verw - Dek
Als Mann ohne einen Funken Anstand, als Schürzenjäger, dessen Gier unersättlich ist, hat Molière am 16. Februar 1665 seinen "Don Juan" auf die Bühne gebracht. Der dreihundert Jahre später geborene Patrick Marber hat sich der Figur angenommen und seinen "DJ" als gewissenlosen Verführer, rücksichtslosen Hedonisten ins heutige London gestellt, in den berüchtigten Stadtteil Soho. Dort vollzieht sich sein Schicksal ganz wie das des Molière'schen Helden und das von dessen Vorbild, dem "Verführer von Sevilla" von Tirso de Molina. Eine schlichte moderne Adaption des Stoffes also, eine weitere der etwa 15 Fassungen?

Weit gefehlt. Marber hat einen Don Juan geschaffen, dessen moderner Zynismus weit über den Machismo seiner Vorgänger hinausgeht; einen Mann, der keinerlei Grenzen der Moral und der allgemein vereinbarten Sitten anerkennt und dies als Definition des Freien Willens ausgibt. Marber setzt also auf jene Eigenschaft des Stückes, die bereits Voltaire an Molières Don Juan lobte: "Molière hat das Verdienst, auf dem Theater Philosoph zu sein." Folglich ist der heutige DJ ein Schwadroneur, der seine hemmungslose Benutzung anderer Menschen als wahre Selbstverwirklichung ausgibt und dabei über Leichen geht. Ein Mann, der alles dekonstruiert, was die Zivilisation noch verbindet.

Auch wenn Marber sich ziemlich dicht an die Vorlage hält: Seine verwandelten Spielorte, seine Umdeutungen, vor allem aber seine zotige, bisweilen pornografische Sprache machen aus dem seit dem 17. Jdt. immer wieder belebten Lustmonster einen Zeitgenossen, dem zur Erlangung seiner Ziele jedes Mittel recht ist: Er spielt sogar den humanitär engagierten Wohltäter und heuchelt Einsicht und Reue.

Was uns an DJ entsetzt, ist vielleicht eine geheime Sehnsucht der Menschen: nur dem Augenblick zu leben, und den Tod zu verachten – so sehr, dass wir das Angebot ausschlügen, ihm zu entgehen, wenn der Preis dafür der Verrat an der eigenen Lust wäre. Die bürgerliche Wohlanständigkeit dagegen (wenn sie denn eine ist) bleibt Sehnsucht des Dieners Stan: Der sieht sich freilich, wie Molières Sganarell, auch bei  Marber um seinen Lohn betrogen.

In unserer durchsexualisierten Gesellschaft, in der Pornografie zum Alltag gehört, kann Don Juan niemanden mehr wirklich schockieren. Folglich entbehrt Marber's Stück jeglicher moralischen Wertung. Es setzt vielmehr auf Komik, auf die Lächerlichkeit seines Helden und auf die Verzweiflung seines Dieners Stan, der vom Leben und von den Menschen offenbar mehr versteht als sein drogensüchtiger, lustsüchtiger, fleischsüchtiger Herr.

Wie in all seinen Stücken erweist Marber sich wiederum als Meister der Verknüpfung von Schrecken und Witz, von Entsetzen und Gelächter. Nach der Londoner Uraufführung am Donmar Warehouse 2006 (Regie: Michael Grandage) überschüttete die Kritik ihn denn auch mit Lob und Begeisterung. "The Observer" schrieb am 10. Dezember 2006: "Dies ist, Zeile für Zeile, das beste von Marber's Stücken. Man möchte baden in seiner Formulierungskunst (und wann passiert das schon mal im Theater?): Kaum eine Minute vergeht ohne satirische Attacke, ohne gewagte Pointe."

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