Das Stück greift die Grundsituation eines chinesischen Schattenspiels auf: Am Fuße der großen Mauer steht eine junge Frau und fordert energisch vom Kaiser ihren Mann, den Soldaten Hsüeh Li, zurück, der hinter der Mauer zur Verteidigung der Stadt kaserniert ist. Die Offiziere des Kaisers bieten ihr ein Spiel an: Wenn sie ihren Mann in der Masse der uniformierten Soldaten erkennt und dann beweisen kann, dass es tatsächlich ihr Mann ist, darf sie mit ihm nach Hause gehen. Kann sie die Offiziere nicht überzeugen, soll der Soldat getötet und sie über den Fluss gejagt werden. Die Frau ist sich ihrer Sache sicher, doch als der von ihr ausgewählte Soldat von der Mauer steigt, beginnt eine Prüfung auf Leben und Tod, denn der vermeintliche Ehemann ist ihr völlig unbekannt. Gemeinsam mit dem Fremden muss sie nun zeigen, dass sie zueinander gehören, wie sie sich kennen gelernt und wie sie miteinander gelebt haben. Während die Frau ihre Rolle überzeugend spielt und bereit ist, durch einen puren Akt der Imagination die anonyme, bloß funktionierende Automatenwelt zu überwinden, kann der Mann in seinem Spiel den Schein nicht aufrechterhalten. Er besteht die Prüfung nicht und verschwindet wieder hinter der Mauer in der Phalanx der anonymen Soldaten.
Große Schmährede an der Stadtmauer
Verfasst von
in
Einakter
Dorst, Tankred
TANKRED DORST wurde 1925 in Oberlind bei Sonnendorf, Thüringen, geboren. Als Siebzehnjähriger wurde er zur Wehrmacht eingezogen und geriet bei Kriegsende in englische und amerikanische Gefangenschaft, aus der er 1947 nach Westdeutschland entlassen wurde. 1950 nahm Dorst das Studium der Germanistik, Kunstgeschichte und Theaterwissenschaft in München auf. Bald darauf begann er, Stücke für das studentische Marionettenstudio zu verfassen. Seine ersten Werke für das Schauspiel wurden 1960 aufgeführt. Es folgten über 30 Dramen und Libretti, u.a. „Toller“, „Die Kurve“, das 1961 von Peter Zadek mit Klaus Kinski, Helmut Qualtinger und Gernot Duda für den WDR verfilmt wurde, „Große Schmährede an der Stadtmauer“ und „Der Kater oder Wie man das Spiel spielt“. Seinen vier nahezu „klassischen“ Kinderstücken, die, wie ein Großteil der Texte seit den 1970er Jahren, in Zusammenarbeit mit Ursula Ehler entstanden sind, folgte 2002 „Der vergessene Zauberspruch“. Daneben entstanden Bühnenbearbeitungen, u.a. in Zusammenarbeit mit Peter Zadek, sowie Übersetzungen, Drehbücher, Essays und Erzählungen. Tankred Dorst führte auch Regie bei mehreren Filmprojekten und inszenierte 2006 den „Ring der Nibelungen“ für die Bayreuther Festspiele. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Gerhart-Hauptmann-Preis, den Mühlheimer Dramatikerpreis, den Georg-Büchner-Preis und den Max-Frisch-Preis. 2009 empfing er den Thüringer Verdienstorden, die Ehrendoktorwürde der Universität Bamberg und den Europäischen Literaturpreis, Straßburg. 2012 erhielt er zusammen mit Ursula Ehler in Erfurt den Theaterpreis Faust für sein Lebenswerk.