Helmar Harald Fischer

Mai 1940 − Juli 2026

Ein Theaterleben

Mit großer Trauer nehmen wir Abschied von Helmar Harald Fischer – Verleger, Autor, Übersetzer, Herausgeber, Filmemacher und Freund.

Helmar Harald Fischer war einer der kenntnisreichsten Literaturvermittler seiner Generation und ein leidenschaftlicher Fürsprecher der Dramatik. Theater war für ihn weit mehr als eine Kunstform. Es war Lebensraum, Denkraum und Begegnungsort zugleich – jener Ort, an dem Sprache ihre gewaltige Kraft entfalten und die conditio humana in all ihren Facetten zum Ausdruck bringen kann. 

Schon früh setzte HHF den Fuß in die Theaterwelt, in der er bald ganz zu Hause sein sollte. Zog es ihn nach seinem Musikstudium in Wien zunächst als Schauspieler, Dramaturg, Chefdramaturg oder Stellvertreter des Generalintendanten an die Mehrspartentheater von Bruchsal, Braunschweig, Aachen und Wiesbaden, so kehrte er später als Verleger und Übersetzer in die Produktionswerkstatt des Theaters selbst zurück. 

Sein Interesse am Theater erschöpfte sich dabei nicht in einem einzigen Annäherungsversuch; vielmehr nahm er im Laufe seines Werdegangs verschiedenste Perspektiven und Rollen ein. Dabei sollten das Theater und die Theaterschaffenden unangefochten im Mittelpunkt stehen. Sein tiefgehendes Interesse am Text und an den Schreibenden führte ihn in die Verlagswelt, vom Inszenieren zum Vermitteln und Fördern neuer Stimmen in der dramatischen Landschaft. Als Lektor und Übersetzer des S. Fischer Verlags in Frankfurt fand er jene verlegerische Perspektive, die sein weiteres Leben bestimmen sollte. In seiner Rolle als Verleger ließen sich die Affinität Helmar Harald Fischers zur Literatur, sein Gespür für Sprache und sein umfassendes Wissen über die Theaterwelt auf besondere Weise verbinden.

Seiner ungezügelten Schaffenskraft und seinem kaleidoskopischen Blick verdankte sich auch sein Zugang zum Film, den er ebenfalls als Vehikel der Theatervermittlung einsetzte. In seinen zahlreichen Dokumentationen, die in den 80er- und 90er-Jahren unter anderem für WDR, ZDF, SFB, Arte, das Goethe-Institut und die Akademie der Künste entstanden, rückte er auch die Menschen des Theaters in den Fokus: Dramatikerinnen und Dramatiker, Schauspielerinnen und Schauspieler, Regisseurinnen und Regisseure, Bühnen und ihre Geschichten. So porträtierte Helmar Harald Fischer Persönlichkeiten wie Ivan Klíma, Bruno Ganz, Otto Sander, Hannelore Hoger, Tankred Dorst, Klaus Peymann, Will Quadflieg, Helmut Griem oder René Deltgen und schuf filmische Zeugnisse einer Kunstform, deren Unmittelbarkeit und Lebendigkeit ihn faszinierten. Seine Arbeiten eröffneten dem Publikum einen Blick hinter die Kulissen – auf jene schöpferischen Prozesse, aus denen Theater entsteht. Er beleuchtete Lebenswege, Arbeitsprozesse und künstlerische Haltungen und machte sichtbar, was sich dem flüchtigen Blick auf die Bühne oft entzieht und wie dicht Literatur und Leben miteinander verwoben sind.

Bei JUSSENHOVEN & FISCHER fand Helmar Harald Fischer schließlich seine literarische Heimat. Dem Theaterverlag, den Krista Jussenhoven 1986 als PROJEKT Theater & Medien GmbH ins Leben rief, war er seit den Anfangsjahren eng verbunden. Als er 2002 in die Co-Leitung des Verlags eintrat, dessen Umbenennung auch seiner eigenen Wirksamkeit Rechnung trug, widmete er sich nunmehr vollständig dem Bühnenverlagswesen.

Zu seinen ersten verlegerischen Initiativen gehörte DIE THEATERREIHE, in der erstmals ausgewählte Theaterstücke von JUSSENHOVEN & FISCHER als sorgfältig edierte Buchausgaben herausgegeben wurden. Dabei dokumentierte Fischer mit Werken von Tankred Dorst und Ursula Ehler, Lotte Ingrisch, David Mamet, Patrick Marber, John Osborne, Tom Stoppard und Tennessee Williams die programmatische Vielfalt des Kölner Theaterverlags. 
Einige dieser Ausgaben versah er mit detailgenauen und sprachlich außergewöhnlich sensiblen Nachworten, die seine enorme Belesenheit und akribische Recherche eindrucksvoll belegen. Sie waren nicht bloße editorische Begleittexte, sondern gaben einen Einblick in seine profunde Auseinandersetzung mit Werk, Zeitgeschichte und Theaterästhetik, die seine Arbeit prägte.

HHF wurde zum Vermittler bedeutender Dramatiker und pflegte sowohl das klassische als auch das zeitgenössische Theaterstückrepertoire mit unablässigem Engagement. Dabei galt er auch als streitbarer Geist und als ein Mensch, der literarische Neuentdeckungen ebenso wie Tradition und Werktreue schätzte und zugänglich machte. Wo über gesellschaftliche Verantwortung, künstlerische Freiheit und die Zukunft des Theaters nachgedacht wurde, war er mit Verve dabei. Kaum jemand verkörperte die immersive Verbindung von Bühne, Literatur und Verlag so selbstverständlich wie er. Sein Vertrauen galt dabei den Dramatikerinnen und Dramatikern, ihren Texten und deren lebendiger Wirkung auf der Bühne. 

Über Jahrzehnte begleitete HHF eng zahlreiche neue Stücke, unter anderem von deutschen, helvetischen, englischen, tschechischen und italienischen Literaturschaffenden wie Tim Firth, Pavel Kohout, Charles Lewinsky, Ken Ludwig, Klaus Pohl und Penelope Skinner von der ersten Manuskriptfassung bis zur Premiere auf der Bühne. Seine editorische Erfahrung, seine sprachliche Genauigkeit und sein feines Gespür für dramatische Strukturen bereicherten eine Vielzahl von Theatertexten.

Besonders deutlich lässt sich dies an seinen Übersetzungen ablesen. Sie verbanden philologische Sorgfalt mit dramaturgischer Erfahrung und einem vortrefflichen Gespür für Dialog, Atmosphäre und Bühnenwirksamkeit. Er übertrug nicht nur Worte, sondern Stimmen, Melodien, Zwischentöne, Atmosphären und kulturelle Kontexte. Seine Übersetzungen waren klar, elegant und von unbedingter Werktreue. Sie verschafften Generationen deutschsprachiger Theaterbesucher:innen authentischen Zugang zu internationaler, hierzulande oft ungesehener Dramatik. Darunter sind Oscar Wildes Bunbury oder Ernst sein ist alles und Der ideale Ehemann, John Osbornes Blick zurück im Zorn, Der Entertainer und Déjà vu, Tom Stoppards Rock ’n’ Roll, Patrick Marbers Hautnah und Donald Margulies‘ Freunde zum Essen und Haus auf dem Land.

Ein besonderer Schwerpunkt der Arbeit Helmar Harald Fischers lag auf dem Gesamtwerk des amerikanischen Dramatikers Tennessee Williams. Mit großer literarischer Feinfühligkeit übertrug er Endstation Sehnsucht, Aber nichts von Nachtigallen, Teils trüb, teils klar, Treppe nach oben, Innen: Panik und Ich, Vashya. Gemeinsam mit Jörn van Dyck, Thomas Huber, Bernd Samland und Wolf Christian Schröder machte er teilweise gänzlich unbekannte Stücke Tennessee Williams‘ erstmals für die deutschsprachigen Bühnen zugänglich und schälte die sprachliche Kraft und emotionale Tiefe eines der bedeutendsten Dramatiker des 20. Jahrhunderts heraus.

Seine übersetzerische Handschrift prägt auch die deutsche Bühnenfassung von Stücken von Woody Allen, Doug Lucie, Tom Dulack, Ben Travers, John Murray und Allen Boretz sowie im Musical Bat Boy von Keythe Farley, Brian Fleming und Laurence O’Keefe. Diese Arbeiten zeugen von seiner außerordentlichen stilistischen Bandbreite, literarischer Neugier und dem Anspruch, Übersetzungen zu schaffen, die nicht nur gelesen, sondern vor allem gespielt und erlebt werden können.

Kurzum, HHF lebte für das Theater – und mit ihm. Er war ein passionierter Zuschauer und faszinierender Erzähler. Sein nahezu enzyklopädisches Gedächtnis, seine zahllosen Begegnungen mit Theaterschaffenden und seine unerschöpflichen Anekdoten machten jede Unterhaltung mit ihm zu einer Reise durch die Theatergeschichte – von deutschen Bühnen über London und Edinburgh bis nach New York. Wer ihm begegnete, erinnert sich an lange Gespräche in Theaterkantinen, Foyers, Cafés und Bars, rege Diskussionen über Inszenierungen, Übersetzungen und Literatur, seine Neugier und seine Begeisterungsfähigkeit. Sein Gedächtnis schien unerschöpflich, seine Begeisterung war ansteckend. Er konnte stundenlang über Premieren sprechen, über Übersetzungsvarianten, Regiehandschriften oder längst vergessene Inszenierungen. Seine Erzählungen waren plastisch, mitreißend und humorvoll und stets von seiner tiefen Liebe zum Theater getragen. Er stellte Verbindungen zwischen Menschen her, brachte Autorinnen und Autoren mit Bühnen zusammen, entdeckte Talente, verteidigte Texte und verlor niemals den Glauben an die Kraft der Sprache.

Für viele war er weit mehr als ihr Verleger. Er war ein kritischer Leser, geduldiger Lektor, kluger Ratgeber und engagierter Fürsprecher seiner Autorinnen und Autoren, denen er Zeit, Aufmerksamkeit und jene editorische Hingabe widmete, die Literatur nicht als Produkt, sondern als gemeinschaftlichen, schöpferischen Prozess versteht. Nicht zuletzt war er für einige über Jahrzehnte hinweg ein vielgeschätzter und treuer Freund.

So verabschieden wir uns von Helmar Harald Fischer in großer Dankbarkeit für seine unbändige Hingabe für die Literatur des Theaters und all ihre Schaffenden. Sein Wirken lebt fort – in den Büchern, die er herausgegeben hat, in den Übersetzungen, die weiterhin auf den Bühnen aufgeführt werden, und in den Begegnungen, die er ermöglicht hat.

Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Familie, seinen Angehörigen und allen, die ihm nahestanden und mit ihm verbunden waren.


Der Theaterverlag JUSSENHOVEN & FISCHER wird in Gedenken an Helmar Harald Fischer und Dr. Krista Jussenhoven in ihrem Sinne fortgeführt.

Premieren

>>> weitere Termine

Coming Soon!