Acht Europäer, Vertreter verschiedener sozialer Stände, sind nach einem Schiffbruch auf einer Insel gestrandet. Sie stellen erschrocken fest, daß sie zu kleinen Wesen geworden sind, die von den Inselbewohnern mit großem Vergnügen als Spielzeug betrachtet werden. Blectrue, der Berater des Gouverneurs, glaubt jedoch aufgrund eines ähnlichen Vorgangs in der Geschichte der Insel, daß die kleinen Wesen durch Götterzauber verwandelte Menschen sind, die ihre ursprüngliche Größe in dem Maße wiedererlangen können, in dem sie vernünftig werden. Er soll deshalb versuchen, „ihren Seelen ihre Würde“ wiederzugeben. Der Versuch gelingt als erstes bei dem ungebildeten Bauern Blaise. Die andern folgen – bis auf Dichter und Philosoph, die so sehr von ihrer Überlegenheit überzeugt sind, daß sie nicht wachsen können.
Insel der Vernunft
oder
Die Zwergmenschen
Verfasst von
in
Stück: 4 D, 11 H
Komödie in 3 Akten
Marivaux, Pierre Carlet de
PIERRE CARLET DE MARIVAUX (1688 – 1763), über dessen Leben nur wenig bekannt ist, entwarf sein Theater als Medium zur Beobachtung des menschlichen Zusammenlebens: Liebe, Ehe, Erziehung, Geschlechterpolitik, die Verteilung der materiellen Güter – all die Themen, die uns heute noch beschäftigen, beschäftigten auch Marivaux. Seine Komödien sind experimentelle Versuchsanordnungen, die das Innere des Menschen jenseits allen standesgemäßen Dekors freilegen. Sie gelten damit als „Geburtsstätte von Privatheit im modernen Sinne“ (Jürgen Habermas). Den Übersetzungen von Gerda Scheffel, die Marivaux’ Sprache in ihrer ganzen Unbequemlichkeit und gedanklichen Schärfe aufblitzen lässt, ist es zu verdanken, dass wir diesen Autor heute als unseren Zeitgenossen wiederentdecken.