Stück Kategorie: Jugend

  • 1
    Damen
    1
    Herren

    Schuhe shoppen

    Edda Poppinga geht in die achte Klasse. Sie ist noch nicht lange in der Stadt, noch nicht lange auf dieser Schule. Sie lebt zusammen mit ihrem Vater Harm – eine Art „Roter Radler“ und bei seiner Organisation Projektkoordinator – und ihrem älteren Bruder Onno in einem Mietshaus in der Königstraße. Die Mutter hat nach einem „Nervenzusammenbruch“, wie Harm es nennt, die Familie verlassen und lebt jetzt mit ihrem neuen dänischen Partner Gunnar in einer niederländischen Kommune. Offenbar auf ganzer Linie ein alternativer Familien-, ja Lebensentwurf.

    Edda hat sich in Eduard Prinz verguckt, gemeinhin Eddie genannt. Der wohnt nicht nur in demselben Mietshaus, sondern ist in der Schule auch in ihrem Mathekurs. Doch Eddie hat nur Augen für seine Schuhe. Seine Kollektion umfasst an die sechzig Paar, von Adidas bis mindestens Nike. Zalando ist ja leider keine Schuhmarke. Und jeden Tag, jede Stunde steht er vor der Qual der Wahl. Und heute Morgen wählt er Nike Vapour Supreme. Doch bevor er sich auf den Schulweg macht, muss er noch seine kleine Schwester Letitia vor dem Kinderkanal deponieren und sie mit Keksen versorgen. Dann ab dafür zur Bushaltestelle.

    Dort nimmt Edda allen Mut zusammen und quatscht Eddie an. Der fühlt sich sozusagen, wenn nicht gar sexuell, belästigt, dreht sich um und tritt mit voller Wucht, und das gleich drei Mal, in einen Riesenhundehaufen. Die Schuhe, immerhin mit seinem Namenszug geschmückt, sind für heute hinüber; damit kann er nicht in die Schule gehen. Und schuld daran ist natürlich Edda.

    Die traut sich abends mit einem, von ihrem Vater abgelegten, Paar Schuhe zu Eddie; eine Art Wiedergutmachungsangebot. Und Eddies Mutter freut sich: Endlich steht mal ein Mädchen bei und für Eddie auf der Matte.
    Eddie hat natürlich keine Augen für die abgelegten Latschen von Eddas Vater; aber zum Bowling mit Eddas Freundinnen lässt er sich überreden. Nur hat er nicht mit der zweiten Niederlage des Tages gerechnet: An der Garderobe muss er seine kostbaren Sneakers abgeben und sie gegen schreckliche Bowlingschuhe eintauschen. Was ihn aber nicht daran hindert, beim Bowlen sein Bestes zu geben und alle an die Wand zu kegeln.

    Ein schöner Sommerabend geht zu Ende. Doch was ist das? An der Garderobe bekommt er seine eigenen Schuhe nicht zurück. Die schnappt sich Edda, und raus geht’s in die Sommernacht. Eddie, ganz von den Socken und auf Socken, immer Edda hinterher. Durch die schnieke Shoppingmeile bis hinaus auf eine Brücke, die über die Eisenbahn führt. Und da folgt Edda dem Nike-Slogan „Just Do It“ und schmeißt die an den Schnürsenkeln zusammengebundenen Luxussneaker hoch in die Luft; sie landen auf einem Telefondraht, der zwischen zwei Pfählen im Bühnenhintergrund gespannt ist. Und ihre eigenen Schuhe schmeißt sie gleich hinterher. Sie landen auch auf dem Telefondraht. Eddie kann es erst nicht fassen, doch dann erfasst es ihn. Liebe auf den zweiten Schuh zu Edda. Er ist von seiner Schuhfixierung geheilt.

    Dein Schuh bist du. Du bist dein Schuh. Ein wahrhaft romantisches Märchen von heute, also ein Märchen aus der Warenwelt sehr junger Leute. Der erste Satz lautet: „’Es war einmal’, so fangen nach der Tradition solche Geschichten an. Aber es ist jetzt. Es geschieht jetzt.“ Den spricht die Performerin, der Performer, der einzige Mensch auf der Bühne. Der/die mit lauter Schuhen hantiert. Tim Crouch bleibt sich auch hier treu: den Gegenständen des täglichen Lebens mit spielerischen Mitteln, fast puppenspielerischen Mitteln, Leben einzuhauchen. Und damit der Verdinglichung menschlicher Beziehungen entgegenzuwirken. So dass Eddie begreift, das Leben hat mehr zu bieten als nur Markenartikel.

    Jugendstück

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  • Niemand versteht Spaß
    I. Spaß
    II. Niemand

    Spaß (Fun)

    Zwei fünfzehnjährige Jungs – Denny und Casper – ziehen an einem Frühlingsabend aus Langeweile los, um sich zu amüsieren. Sie versuchen es im Einkaufszentrum, in einem Hamburger-Restaurant, wollen sich mit der Kellnerin verabreden, trauen sich aber nicht, versuchen sich Stoff zu besorgen, geraten an einen Mann, der sie mit in den Puff nehmen will, aber so besoffen ist, daß er vorher einschläft – alleingelassen, wissen sie nicht, wo sie sind. Denny überfällt einen Arbeiter, um ans Taxigeld für die Heimfahrt zu kommen, aber der verprügelt ihn – die Jungs meinen am Ende dieser Nacht aber doch, es hätte Spaß gemacht.


    Niemand (Nobody)

    Niemand ist die Geschichte von Dennys Vater: eine bitterböse Abrechnung mit der heutigen Industriewelt. Dennys Vater verliert seine Arbeit, sein Selbstvertrauen, dann Frau und Kind, und am Ende alle Hoffnung.

    2 Stücke in einem Akt

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  • 2
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    2
    Herren

    Darwins Engel

    Es herrscht Krieg zwischen Kreationisten und Evolutionisten. Die einen glauben dem lieben Gott, die anderen Charles Darwin. Besonders fortschrittliche Evolutionisten vermuten sogar, dass wir nicht nur von Affen abstammen, sondern dass wir selbst Affen sind. Währenddessen basteln Wissenschaftler mit allen Mitteln am genetischen Code, an der Züchtung künstlicher Arten.

    Das tun auch Balthasar und Leonore, der Biologe und die Terroristin. Zwei skurrile Idealisten, die sich ein ehrgeiziges Ziel gesetzt haben: Die Beseitigung der missglückten Spezies Mensch durch die Erschaffung des Guten aus der Retorte – Darwins Engel!

    Das Leben als Baukasten: In „Darwins Engel“ nimmt Lotte Ingrisch vorweg, was die neueste Disziplin der Biologie, die „Synthetische Biologie“, heute erst für sich entdeckt. Ob es die Herstellung künstlicher Lebensmittel ist oder die Optimierung der DNA – der Mensch wird zum Ingenieur des Lebens und zum Schöpfer seiner eigenen Evolution. Der Krieg zwischen Gott und Darwin entscheidet sich so zugunsten des gottgleichen Darwinisten.

    In „Darwins Engel“ jedoch kommt überraschend die Liebe ins Spiel, und beinahe verdirbt sie alles. Echte Idealisten wie Balthasar und Leonore schrecken zwar auch vor Mord nicht zurück, doch die Opfer überleben in aller Frische. Scheinbar als Geister stürzen sie das Leben der Beiden abermals ins Chaos…

    Komödie in einem Akt

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  • 6
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    5
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    Das Stigma

    Indianapolis, Indiana. Um seiner Tätigkeit als Betreiber eines Jahrmarktstandes ungestört nachgehen zu können, gibt das Ehepaar Likens seine beiden Töchter Sylvia und Jenny für die Sommermonate des Jahres 1965 bei der allein erziehenden Gertrude Baniszewski in Obhut. Dem Stück liegt ein wahres Geschehen zugrunde, mit dem sich auch Kate Millett in ihrem Buch „The Basement. Meditations on a Human Sacrifice“ beschäftigt hat.

    Gertrude Baniszewski, Mutter von sieben Kindern, hat ständig Geldsorgen, da ihr Ex-Mann, der Polizist John Baniszewski, sowie ihr Liebhaber Dennis, Vater ihres jüngsten Sohnes Denny, nur unregelmäßig Alimente zahlen. Mit der Erziehung ihrer Kinder und dem Haushalt für die nun zehnköpfige Familie ist die an Asthma leidende Frau restlos überfordert.
    Schon wenige Tage, nachdem die Likens-Schwestern bei ihr eingezogen sind, beginnen die ersten Repressalien gegen Sylvia, die ältere der beiden. Was mit falschen Anschuldigungen und Schlägen beginnt, gerät zusehends außer Kontrolle und gipfelt zuletzt in einer systematischen Folter der 16-jährigen, die aus schwesterlichem Verantwortungsgefühl für ihre an Kinderlähmung erkrankte, jüngere Schwester Jenny keinen Fluchtversuch unternimmt.

    Die letzten Wochen ihres Lebens muss Sylvia gefesselt im Keller des Hauses zubringen. Unter Anleitung Gertrudes beteiligen sich ihre drei älteren Kinder Paula, Stephanie und John an den Prügelstrafen, aber auch Coy Hubbard, Richard Hobbs und Randy Leper, drei minderjährige Jungen aus der Nachbarschaft. Sylvia wird geschlagen, mit kochendem Wasser verbrüht, mit glühenden Zigaretten verbrannt, mit Judogriffen gegen die Wand geschleudert; zuletzt brennen die Kinder ihr die Worte „Ich bin eine Prostituierte und stolz darauf“ mit einer glühenden Nadel auf den Bauch.

    Viel zu spät erst zeigt die verängstigte Schwester Jenny das Martyrium ihrer Schwester mittels eines anonymen Anrufes dem Sozialamt an. Doch Gertrude versteht es geschickt, Mrs. Barbara Sanders, die sich vor Ort ein Bild von der Sache machen will, mit einer Lügengeschichte zu beeindrucken. Am 26. Oktober 1965 erliegt Sylvia Likens ihren schweren Verletzungen. Erst als die Polizei auftaucht, hat Jenny den Mut zu der Aussage: „Holen Sie mich hier raus, dann werde ich alles erzählen.“

    Stück in 2 Akten

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  • 4
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    5
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    Ich will das rote Sefchen küssen

    Heinrich Heines frühe Liebe, die 16jährige rothaarige Scharfrichterstochter Josefa, genannt „das rote Sefchen“, verführte den jungen Juden Heinrich Heine nicht nur zu ersten erotischen Abenteuern, sondern auch zum poetischen Widerstand gegenüber der preußisch-katholischen Mitwelt.

    Josefa und Harry, durch ihre Herkunft und ihr aufmüpfiges Verhalten außerhalb der bürgerlich-spießigen Norm, zeigen in ihrer Zuneigung zueinander, wie es möglich ist, dem Terror von Angst, Verleumdung, Schuldrill, Moralismus, Anpassung und Verrat zu widerstehen. Zärtlich und rebellisch kämpfen sie um ihre Liebe, wie um Recht, Freiheit, Würde – und befinden sich somit ganz aktuell in den Problemen heutiger Zeit.

    1. AUFZUG
    In der Schule mischen Josefa und Harry durch spöttische Aktionen ihre Klasse, Lehrerin Hindemans und Pater Dickerscheidt auf. Während der Pater versucht, alles über die Bibel zu (er)klären, bemüht sich Frau Hindemans vergebens durch Verleumdung, Josefa von Harry abzubringen. Trotz moralischer und klerikaler Exerzitien; trotz antisemitischer Klassenkeile, die Harry bezieht, stehen Josefa und Harry zueinander. Das Schwert des Scharfrichters, das Josefa bis in ihre Träume hinein verfolgt, erscheint als unheilvolles Omen.

    2. AUFZUG
    Harry soll, von seiner beflissenen Mutter verordnet, Geigen- und Tanzunterricht erhalten. Den Geigenlehrer besticht Harry, den Tanzlehrer wirft er zum Fenster hinaus. Josefa steht Harry bei und bewundert ihn. Mutter Heine will, dass Harry Kaufmann lernt. In einer Rap-Show führt Harry vor, was er wirklich im Leben anstrebt: Lieben, Lesen, Dichten, ein toller Typ sein.

    3. AUFZUG
    Harry und Josefa sind miteinander verabredet. Josefa erscheint nicht und lässt den verzweifelten Harry allein. Josefa hat einen „Alptraum“: der tote Großvater bestellt sie auf ein „Dunkles Feld“, wo er und seine Scharfrichterkollegen eine finstere Versammlung (die Beerdigung des Schwertes nach Heavymetal-Art) abhalten. Josefa soll den alten schrecklichen Männern zur Hand gehen. Die Veranstaltung erweckt in ihr grausige Vorahnungen, deren Assoziationen bis in die Verbrechen jüngerer Gegenwart reichen. In diesem Alptraum erscheint Harry. Er soll Josefa mit dem Schwert richten, aber schließlich schlägt er dem Großvater den Schädel ein.

    4. AUFZUG
    Freihof (Haus des Scharfrichters). Harry und Josefa betreiben ihr Liebesspiel, bis Josefas hexenhafte Tante, die Göchin, mit dem ausgegrabenen Schwert erscheint. Sie kocht eine Armesündersuppe für die Arbeits- und Obdachlosen, Säufer und Junkies. Sie läßt Harry und Sefchen daran teilhaben. Wieder wird Zukunftsangst geschürt.

    5. AUFZUG
    Auf einem Wandertag macht die Schulklasse vor dem Freihof Rast. Militaristisch-nationalistisches Pfadfindergehabe. Frau Hindemans, die den Arbeitsfleiß der Kinder beschwört, schreibt ans Tor „Arbeit macht frei“ und zwingt Josefa, Harry zu denunzieren. Das Stück verläßt scheinbar die Kunstebene. Der heutige Alltag zeigt die Gefahren der Fortführung der „alten Lieder“. Harry und Josefas Liebe hat einen Riß bekommen, jenen Riß, den die Geschichte bedingt.

    Zur Musik:
    Die musikalischen Kompositionen können vom Volkslied über Pop- und Rockmusik bis zur Neuen Musik reichen.

    Stück für Jugend- und Musiktheater. Unter Verwendung von Versen und Motiven von Heinrich Heine

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  • 1
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    Herren

    Mein Name ist Rachel Corrie

    Porträt der jungen, unvollendeten Dichterin als Friedensaktivistin? Ein Stück Dokumentartheater der besonderen Art – oder die szenische Verklärung einer jungen, so naiven wie kreativen, wissbegierigen, einfühlsamen, fantasiebegabten Amerikanerin zur Lichtgestalt der
    internationalen Solidarität?

    Die Google-Suche ergibt dieser Tage bei der Eingabe des Namens Rachel Corrie über eine Million Treffer. Wer will und kann, mag sich daraus ein Bild machen – Fluch und Segen des Internets. Heiß verehrt und viel gescholten – Ikone der Nahost-Friedensbewegung, als Antisemitin beschimpft und gelobt – als gäbe es nur die Extreme.

    Fest steht: „Rachel Corrie wurde am 10. April 1979 in Olympia, Washington, USA geboren. Bevor sie ihr Studium am Evergreen State College in Olympia beendet hatte, schloss sie sich am 25. Januar 2003 mit Bürgern anderer Staaten dem International Solidarity Movement – eine Organisation zur Unterstützung des palästinensischen gewaltlosen Widerstands gegen Israels militärische Besetzung – zur Arbeit in Gaza an.“ (Alan Rickman und Katharine Viner in einer Vorbemerkung zu ihrem Text.) Beim Versuch, den Abriss eines palästinensischen Wohnhauses zu verhindern, wurde sie am 10. März 2003 von einem israelischen Bulldozer überrollt.

    Der englische Schauspieler und Regisseur Alan Rickman und die Journalistin Katharine Viner haben aus dem schriftlichen Nachlass Rachel Corries, aus Tagebüchern, Notizen und E-Mails an die Familie und von der Familie einen Text zusammengestellt, der das facettenreiche, widersprüchliche, aber immer authentische Bild einer jungen Frau entwirft, deren schon früh entwickelter Sinn für Gerechtigkeit nicht nur zu sozialem Engagement in ihrer Heimat führt, sondern folgerichtig zum Wunsch nach sinnlicher Welterfahrung und Weltverbesserung.

    So schreibt sie an ihre Eltern: „Ich weiß, ich mache euch Angst… aber ich will schreiben, und ich will sehen. Und worüber würde ich schreiben, wenn ich nur in diesem Puppenhaus, dieser Blumenwelt, in der ich aufwuchs, bliebe?“ Für sie, die allen Verallgemeinerungen abhold ist, war die Wahrheit immer und überall konkret. Der einzige in das Stück montierte „fremde“ Außentext ist der Augenzeugenbericht des Journalisten Tom Dale vom Ende Rachel Corries.

    Und ans Ende ihrer Montage stellen Rickman & Viner einen Text der zehnjährigen Rachel, den diese bei der Pressekonferenz der fünften Klasse in ihrer Schule zum Thema Welthunger gesprochen hat und der mit den Sätzen beginnt:

    „Ich bin hier für andere Kinder.
    Ich bin hier, weil ich mir Sorgen mache.
    Ich bin hier, weil überall Kinder leiden und weil täglich vierzigtausend Menschen des
    Hungers sterben.“

    Und am Ende ihres gedichtähnlichen Textes steht die Hoffnung auf ein menschenwürdiges
    Leben für alle Menschen.
    Diese Hoffnung will und kann auch dieser von Rickman und Viner zusammengestellte Text wecken.

    (Bernd Samland)


    Rachel Corrie war etwas konfus, mager und Kettenraucherin, sie liebte Dalí, stellte Tätigkeitslisten auf und hatte eine Leidenschaft für die Musik von Pat Benatar. Den ihr Nahestehenden wäre es lieber gewesen, sie hätte Berühmtheit nicht durch ihren Tod als blonde, junge, idealistische Amerikanerin erlangt. Drei Jahrzehnte, bevor sie von einem D-9-Bulldozer getötet wurde, hatte ihr Vater in Vietnam selbst Bulldozer gefahren.

    Für die Palästinenser wurde sie zur Märtyrerin, ein Opfer der Intifada, die der mächtigen israelischen Armee die Stirn geboten hatte. Viele Israelis allerdings betrachteten sie bestenfalls als naiv, weil sie sich in eine Situation einmischte, die sie nicht verstand. Und in den Augen einiger Amerikaner war sie sogar eine Verräterin. Internet-Seiten lärmten: „Sie sollte für ewig in der Hölle schmoren“; „Schmeißt sie auf den Müll, wo sie hingehört“; „Ich bin froh und glücklich, dass sie tot ist“.

    Mit diesem Theaterstück wollten wir die junge Frau hinter dem politischen Symbol, zu dem sie geworden ist, über ihren Tod hinaus erkennbar machen: Weder Heilige noch Verräterin, ernsthaft wie lustig, konfus und talentiert, von verhängnisvollem Weitblick und doch unversehrt in ihrer Menschlichkeit. Oder, in ihren eigenen Worten: „Chaotisch und unangepasst und zu laut.“


    (Katharine Viner)

    Porträt der jungen, unvollendeten Dichterin als Friedensaktivistin? Ein Stück Dokumentartheater der besonderen Art – oder die szenische Verklärung einer jungen, so naiven wie kreativen, wissbegierigen, einfühlsamen, fantasiebegabten Amerikanerin zur Lichtgestalt der internationalen Solidarität? Die Google-Suche ergibt dieser Tage bei der Eingabe des Namens Rachel Corrie über eine Million Treffer. Wer will und kann, mag sich…

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    Ein ganz gewöhnlicher Jude

    „Wir behandeln im Sozialkundeunterricht gerade die Juden“, schreibt ein gutmeinender Lehrer an die jüdische Gemeinde. „Nur kenne ich leider keinen Juden persönlich, und deshalb wäre es nett, wenn Sie mir einen vorbeischicken könnten, der den Schülern was erzählt.“

    Dieser Brief – so, oder so ähnlich, wird er in Deutschland jede Woche ein paar Mal geschrieben – erreicht den Journalisten Emanuel Goldfarb. Für ihn ist es klar, dass er der Einladung keine Folge leisten wird; er hat keine Lust, sich von einer Schulklasse bestaunen zu lassen wie ein selten gewordenes Spitzmaulnashorn.

    Der Versuch, seine Absage nicht nur zu formulieren, sondern auch zu begründen, gerät ihm zur Generalabrechnung mit der Situation des Juden im Nachkriegsdeutschland. Wortreich, pointiert und manchmal zynisch beschreibt er das Spannungsfeld zwischen altem Antisemitismus und neuer politischer Korrektheit und kritisiert das Wiedergutmachungsritual der permanenten öffentlichen Vergangenheitsbewältigung, die für ihn wieder nur eine Sonderrolle bereit hält: die des wortreich bedauerten Opfers.

    Und dabei möchte Emanuel Goldfarb doch nichts lieber sein als ein ganz gewöhnlicher Deutscher. Ein ganz gewöhnlicher Jude.

    Der pointierte Monolog – Beichte ebenso wie Brandrede – schlägt den Bogen auch zum Privaten. Aus seiner eigenen Biografie, der gescheiterten Ehe mit einer Katholikin und der problematischen Beziehung zum gemeinsamen Sohn, leitet Goldfarb die Unmöglichkeit ab, die durch eigene Tradition ebenso wie durch fremde Vorurteile festgelegte Rolle abzustreifen. „Zuviel Geschichte“, resigniert er. „Das ist das jüdische Problem.“

    Ob er die Einladung zu einem Schulbesuch schließlich doch annehmen wird, bleibt offen. Vielleicht lässt sich ja wenigstens der nächsten Generation vermitteln, dass es an ihr liegt, ob es in Deutschland je wieder einen ganz gewöhnlichen Juden geben kann. Denn das ist sein Fazit: „Antisemiten würgen, Philosemiten umarmen. Und bei beiden bleibt mir die Luft weg.“

    Monolog einer Abrechnung

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  • 5
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    6
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    Skellig

    Michael ist mit seinen Eltern aus seiner vertrauten Umgebung in ein neues, wenn auch altes Haus in der Falconer Road gezogen, er hat seine alten Schul- und Fußballfreunde zurücklassen müssen; und außerdem hat er eine kleine Schwester bekommen, die nicht nur zu früh, sondern auch kränkelnd geboren worden ist und der besonderen Fürsorge der Mutter und der Ärzte bedarf. Er findet alles ätzend – wenn da nicht die baufällige Garage am Haus wäre und das gleichaltrige Nachbarmädchen Mina. Mit beiden hat es eine besondere Bewandtnis. Mina geht nicht zur Schule, sondern wird von ihrer eigenwilligen Mutter zu Hause unterrichtet und im Geiste der Gedichte William Blakes zu einem freien, unabhängigen Menschen erzogen. Und die Garage, in die sich Michael zurückzieht, wenn ihm alles zuviel wird, birgt ein Geheimnis. In all dem Gerümpel haust ein seltsames Wesen, das aussieht wie ein ungewaschener, stinkender alter Mann, nur daß er sich von Mäusen und Insekten ernährt.

    Das ist Skellig. Anfassen lassen will er sich nicht.

    Nachdem bei Michael der Ekel seiner Angstlust gewichen ist, bietet er dem unter arthritischen Schmerzen leidenden Skellig Hilfe an, Nahrung und Medizin. Skellig wünscht sich nur Aspirin, Nr.27 und 53 vom Chinesen und Schwarzbier. Alles besorgt ihm Michael heimlich. Und er weiht auch seine neue Freundin Mina, die ihn sogar das Fußballspielen vergessen läßt, in sein Geheimnis ein.

    Doch Skellig kommt nicht zu Kräften, sein Zustand bessert sich ebensowenig wie der von Michaels winziger Schwester, die im Krankenhaus im Brutkasten liegt und an Schläuchen hängt; und da die Garage abgerissen werden soll, bringen Mina und Michael nachts das rätselhafte Wesen auf den Dachboden des alten vernagelten Hauses, das Minas Großvater gehört hat und das ihr gehören wird, wenn sie einmal groß ist. Und während in Michaels Schule die Evolutionslehre auf dem Lehrplan steht, die ja alle Lebensformen im Wasser, in der Luft und auf dem Land als eine unendliche Kette von Wesen begreift, machen Mina und Michael eine unheimliche Entdeckung: Unter dem Mantel, den er nicht ablegen möchte, hat Skellig auf dem Rücken seltsame Knubbel, die sich in einer naturmagischen Szene zu Flügeln entfalten. Alle drei bilden einen Kreis, fassen sich an den Händen, lassen die Erdenschwere unter sich und – fliegen. Ist Skellig ein Vogelmensch, oder: Engel – gibt’s die?

    Skellig muß nun fort, er kann nicht bleiben. Zuvor hat er aber noch, Michaels Akt tätiger Nächstenliebe erwidernd, seine ihm innewohnende Kraft Michaels kleiner Schwester zukommen lassen, die nun gesund ist und leben wird. Und einen Namen haben sie für das kleine Mädchen auch. Nein, nein, nicht Persephone, wie Michael es sich wünscht, sondern, weil das Leben eine Freude sein kann, eben: Joy.

    Mit rasch wechselnden Szenen, mit dramatischen und erzählerischen Mitteln entwirft David Almond ein Bild der Allgegenwart des Wunderbaren. Dabei verzichtet er auf jede Kindertümelei und wirft sich auch nicht dem allseits beliebten Fantasy-Genre an den Hals. Seine Geschichte bleibt immer an nachvollziehbare Situationen gebunden; sie scheut weder den hohen Ton der Blake-Gedichte, die motivisch auftauchen, noch den kalauernden Witz. Und wenn Almond eine Botschaft – neben der stets verkündeten: „Liebe deinen Nächsten!“ – hat, so lautet sie wohl, daß es mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als unsere Schulweisheit sich träumen läßt. Aber vielleicht, und auch das ist eine Botschaft des Stücks, sollten manche Fragen lieber ungestellt bleiben.

    Michael ist mit seinen Eltern aus seiner vertrauten Umgebung in ein neues, wenn auch altes Haus in der Falconer Road gezogen, er hat seine alten Schul- und Fußballfreunde zurücklassen müssen; und außerdem hat er eine kleine Schwester bekommen, die nicht nur zu früh, sondern auch kränkelnd geboren worden ist und der besonderen Fürsorge der Mutter…

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    10
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    Alberts Brücke

    Trotz eines Universitätsstudiums gehört die Hauptfigur Albert zu den Angestellten, die die Clufton Bay Bridge streichen. Kaum sind sie fertig, müssen sie am anderen Ende wieder anfangen. Als ein Städtischer Beamter den Sparvorschlag entwickelt, nur noch einen einzigen Anstreicher zu beschäftigen, der eine acht Jahre lang haltbare Farbe verwendet, sagt Albert zu. Was früher nur ein Ferienjob war, wird zur Hauptbeschäftigung und führt zu Streitigkeiten mit seiner Frau. Eine lukrative Stelle in der Firma seines Vaters lehnt Albert ab. Doch die Rechnung des städtischen Planers geht nicht auf, da nach zwei Jahren zwei Drittel der Brücke rostig und heruntergekommen sind. Um Abhilfe zu schaffen, sollen 1.800 Männer den Schaden an einem einzigen Tag beheben. Als sie anmarschieren, bricht die Brücke zusammen.

    Stück in 22 Szenen

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  • 5
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    4
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    Junge Junge Junge

    Jack, Don und Phil, Ende 20, kennen sich schon seit dem College und sind Freunde geblieben, benehmen sich allerdings auch jetzt noch manchmal wie Schuljungen. Sie albern rum und reden nächtelang über alles mögliche, vor allem aber über Frauen, Frauen, Frauen. Doch sie haben sich innerlich und äußerlich auseinandergelebt: Jack ist verheiratet, wird von seiner Karrierefrau ernährt, spielt den Hausmann und alleinerziehenden Vater und rächt sich für seine Abhängigkeit durch ständige Eskapaden mit Mädchen, die er auf der Straße oder bei Parties aufliest.

    Don hat Schwierigkeiten mit Frauen, und als er „sie“ endlich gefunden hat, verdirbt er beinahe alles durch eine Nacht mit einem total ausgeflippten Mädchen. Zum Schluß landet auch er, von Jack verspottet, im Hafen der Ehe. Phil ist der neurotischste von den dreien, er klammert sich an ein Mädchen, das nach einer Nacht mit ihm nichts mehr von ihm wissen will. Am Ende, auf Dons Hochzeitsfeier, spitzt sich das Verhältnis der drei Jungen zu – sie sagen sich die Wahrheit und reden zum erstenmal wie Männer miteinander.

    Komödie in 9 Szenen

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