Stück Kategorie: Schauspiel

  • 1
    Damen
    4
    Herren

    Der Milchglassarg

    Der Bürgersteig vor dem „Ponce de Leon“, einem billigen Hotel in Miami, das ausschließlich von Rentnern bewohnt wird. Wie jeden Morgen stehen die Senioren Schlange vor dem „Dixie Mammy’s“, der billigsten Cafeteria der Stadt. Der soziale Frieden ist jedoch gefährdet: Man munkelt, im „Dixie Mammy’s“ stünden Preiserhöhungen an – nicht nur Kaffee und Cornflakes sollen teurer werden, der kostenlose Nachschlag wird angeblich sogar ganz gestrichen.

    Drei alte Männer, die etwas abseits stehen und allmorgendlich über die „Greisenparade“ zum Frühstück lästern, wissen schon lange, dass es abwärts geht: Verkalkung, Fettablagerungen in den Gehirnarterien, Prostata, Herzversagen, Gallenblasenentzündung und die Sterberaten der Männer im Vergleich zu Frauen – man hat sich genau informiert über das Nachlassen der Körperfunktionen, im „Reader’s Digest“ oder dem „Journal für Geriatrie“, um den Verfall frühzeitig zu erkennen. Natürlich niemals den eigenen, sondern nur den des Zimmernachbarn.

    Gnadenlos grell und dennoch humorvoll beleuchtet „Der Milchglassarg“ – Tennessee Williams hielt ihn für seinen gelungensten Einakter – die Ellenbogengesellschaft des Seniorenstifts. Das warme Licht des Lebens leuchtet hier nur noch von ferne, weder ganz tot noch richtig lebendig lebt man im „Milchglassarg“. In dieser Alterskohorte liegen Komik und Tragik besonders nah beisammen. Als nämlich tatsächlich jemand abtritt – wider alle Statistik trifft es die gute Mrs. Kelsey noch vor ihrem demenzkranken Mann –, zeigt sich mit aller Härte: Niemals ist man so einsam wie im Sterben.

    Stück in einem Akt

    weiterlesen

  • 2
    Damen
    2
    Herren

    Lifeboat Drill

    Eine Luxuskabine auf der Queen Elizabeth II. zur Frühstückszeit. Mr. und Mrs. Taske, beide von biblischem Alter und bettlägerig, haben ihre künstlichen Gebisse kaum eingesetzt, da fliegen wieder die Fetzen. Mrs. Taske besteht darauf, von einer Stewardess versorgt zu werden – der Steward habe sie unsittlich berührt. Mr. Taske jedoch zeigt – wie üblich – überhaupt kein Interesse daran, die Würde seiner Frau zu verteidigen. Indigniert kündigt Mrs. Taske die Scheidung an.

    Allerdings bleibt ihr kaum Zeit, die herrschaftlichen Besitztümer ihres Mannes im Geiste schon mal aufzuteilen. Denn just an diesem Morgen findet eine Übung an den Rettungsbooten statt. Und die Aussicht, im Falle einer Eisberg-kollision hilflos zurückgelassen zu werden, versetzt die beiden Greise in fiebrige Panik. Auf der Suche nach den Rettungswesten kämpft man sich aus dem Bett, gerät aber schnell in Handgemenge und Ratlosigkeit angesichts der unverständ-lichen Gebrauchsanweisung. Schnell wird klar: für das Paar hat der Ernstfall begonnen, und nur einer kann im schnappatmigen Überlebenskampf der Sieger sein…

    S.O.S. auf dem Luxusdampfer unserer Moderne: „Lifeboat Drill“ von Tennessee Williams ist nicht nur eine sprachgewaltige Satire über den Sprachverlust am Ende einer langen Ehe, es ist zugleich eine Abrechnung mit der allgegen-wärtigen Katastrophenverliebtheit. Denn der einzige Untergang, der am Ende wirklich droht, ist der Untergang in einer Flut von Warnsignalen, Sicherheitsbestimmungen und Notfallplänen, die auf nichts verweisen als auf unsere neurotische Lust am Ausnahmezustand.

    Stück in einem Akt

    weiterlesen

  • 3
    Damen
    4
    Herren

    Now the Cats With Jewelled Claws

    Madge und Bea, beide Ende Dreißig, sitzen zum Lunch im Restaurant. Draußen versinkt die Stadt im nachweihnachtlichen Chaos – die Menschenmassen fluten auf Schnäppchenjagd in die Geschäfte, die Straßen sind heillos verstopft, im wütenden Mob kommt es immer wieder zu Ausschreitungen. Drinnen hingegen palavern Madge und Bea friedlich über den alltäglichen Wahnsinn, über Einkaufslisten, Urlaube, ihr eheliches Unglück, perverse Träume und Städte in der Luft. Bea weiht Madge dabei in ihren neuesten Trick beim Shoppen ein: Konkurrentinnen um ein Produkt sticht sie einfach mit der Hutnadel ab.

    Derweil hat der Restaurantmanager, ein lüsterner Schmierlappen mit künstlichem Gebiss und gefärbten Haaren, ein Auge auf zwei Neuankömmlinge geworfen: knackige junge Burschen in Ledermontur – ein Pärchen, das gemeinsam auf den Strich geht. Die beiden Männer streiten sich über die Grenzen ihrer Käuflichkeit. Während der erste Mann beteuert, dass er lieber stürbe, als mit dem Manager auf dem Herrenklo zu verschwinden, hat der zweite das Geschäft mit dem Manager bereits klargemacht. Der Tod jedoch, ein gekrümmter Mann im schwarzen Mantel, ist da bereits auf den Plan gerufen – er hat allerdings jemand anderes im Visier…

    „Now the cats with jewelled claws“ singt der Manager am Ende des Stücks, als kündigte er uns die nächste Zirkusnummer an. Und tatsächlich: Williams hat den Irrsinn unserer Städte, den täglichen Verkehrsinfarkt, die blinde Konsumwut, die Reizüberflutung und die ziellos mäandernde Kommunikation zwischen innerlich erloschenen Menschen zu einer einzigen grotesken, nervös vibrierenden Zirkusvorstellung gemacht – inklusive Dionysischer Tänze und Gregorianischer Chöre. Ein modernes Babylon, kurz vor dem Kollaps.

    Stück in 2 Szenen

    weiterlesen

  • 4
    Damen
    4
    Herren

    This Is the Peaceable Kingdom

    Streik im Altenheim: Seitdem das Personal verschwunden ist, wächst auf den Fluren das Chaos. Es gibt keine Mahlzeiten mehr, keine Medikamente, und morgens bleiben die Alten in ihren eingenässten Betten liegen. Zwischen den Bewohnern herrscht dicke Luft: Die Jüdin Mrs. Shapiro, zahnlos, blind und in Besorgnis erregendem Zustand, bekommt immerhin noch Besuch von ihren Kindern Bernice und Saul. Bei ihren Mitbewohnern Lucretia und Ralston sorgt das jedoch für Eifersucht – sie haben nur noch sich, ihre Bitterkeit und die vage Hoffnung auf Erlösung.

    „Dies ist das friedliche Königreich der Liebe ohne Angst“ scheppert es aus den Lautsprechern, doch die Lage eskaliert: Als die Vertreterin einer Wohltätigkeits-organisation nach salbungsvollem Vortrag nur kleine Häppchen verteilen will, zetteln die Senioren eine faustdicke Revolte an. Mit Krücken und in Rollstühlen greifen sie die Aufsicht an, bis schließlich die Polizei mit Tränengas anrücken muss. Im allgemeinen Hauen und Stechen – Polizisten gegen Bewohner, Christen gegen Juden, alle gegen die Schwarzen – passiert es dann: Mrs. Shapiro schließt für immer die Augen.

    „This Is The Peaceable Kingdom“ ist eine brillante Abrechnung mit der religiösen Scheinheiligkeit: Längst ihrer Fähigkeit beraubt, ein gesellschaftliches Band zu knüpfen, werden die Religionen zum Brandbeschleuniger im Kampf der Kulturen. Die Fragen, die sie unbeantwortet lassen, muss jetzt das Theater stellen: Wie mit dem Alter umgehen, mit Krankheit und Tod? Wie Erlösung finden, wenn es nur dieses eine, irdische Königreich gibt? Eine – freilich zwiespältige – Antwort gibt das Stück, als der fromme Ralston am Ende Gott in sich selbst entdeckt. Williams bleibt jedoch erstmal unbeeindruckt: er wünscht dem neuen Gott viel Glück.

    Stück in 2 Szenen

    weiterlesen

  • 3
    Damen
    5
    Herren

    Auf diese Treppe pass gut auf

    Das „Joy Rio“, ein drittklassiges altes Kino irgendwo an der amerikanischen Golfküste: Das verwitterte Gebäude diente einmal als Oper, heute ist es ein Treffpunkt für jugendliche Herumtreiber, Schauplatz der Abenteuer und der Illusionen, ein Ort jenseits aller Orte – mit doppelten Böden und dunklen Ecken, in denen das Begehren nistet und der heimliche Wunsch nach Revolte gegen das Regiment der Erwachsenen.

    Carl ist seit zehn Jahren Platzanweiser im „Joy Rio“, jetzt arbeitet er seinen Nachfolger ein, einen pubertierenden Jungen. Besonders auf die Treppen zu den alten Operngalerien muss man aufpassen – der alte Kroger, Betreiber des Kinos, hat den Zutritt strengstens verboten, sie führen in ein dunkel-morsches Traumreich fern aller Aufsicht. Doch Verbote reizen zum Übertritt. Kaum ist die Einweisung vorbei, zieht es ein junges Mädchen vor den Augen der Platzanweiser hinauf in das verbotene Terrain. Und während Carl alte Rechnungen mit seinem Chef begleicht, indes Qualm aus dem Gebäude steigt, lockt eine weibliche Stimme auch den Jungen auf die Treppen…

    „These Are The Stairs You Got to Watch“ von Tennessee Williams ist ein subtil komponiertes Stück über den dünnen Firnis, der die Wirklichkeit trennt von den Gebilden der Phantasie. Und es ist ein Stück über das Erwachsenwerden, über die Suche nach dem eigenen Platz in einer Welt, die kaum einen Sinn mehr hat für das Geheimnis und die verführerische Kraft des Unbekannten.

    Stück in einem Akt

    weiterlesen

  • 1
    Damen
    1
    Herren

    Mister Paradise

    Eine junge, reiche Studentin findet zufällig unter einem Tisch in einem Antiquitätengeschäft den Gedichtband eines längst in Vergessenheit geratenen – oder niemals entdeckten – Dichters, Anthony Paradise. Sie sucht nach ihm und findet ihn tatsächlich in einer heruntergekommenen Wohnung im Französischen Viertel von New Orleans. Sie schwärmt von seinen Gedichten, will sie mit Hilfe einflussreicher Freunde herausbringen, ihn berühmt machen und der Welt wiedergeben. Er weigert sich, weil er glaubt, seine Zeit sei noch nicht gekommen: „Diese Zeit dient der Entdeckung neuer Vernichtungswaffen, nicht der Auferstehung vergessener Dichter.“ Er ist fest davon überzeugt, dass er erst dann unter seinem Künstlernamen Erfolg haben wird, wenn er als realer Jonathan Jones gestorben ist. „Paradise hat erst dann eine Chance zu atmen, wenn Jones aufgehört hat zu atmen.“ Das junge Mädchen bedauert zwar seinen Entschluss, versteht ihn aber und verspricht ihm, dass er sich auf sie verlassen kann, „wenn die Zeit gekommen ist.“

    Stück in einem Akt

    weiterlesen

  • 0
    Damen
    3
    Herren

    Die Null

    Im Umkleideraum einer Boxhalle treffen sich ein alter und ein junger Boxer, die beide nacheinander einen Kampf vor sich haben. Der alte Boxer erzählt von den großen Tagen des berühmten Halbschwergewichtschampions Galveston Joe, der junge Boxer gesteht, dass dieser früher sein Held war und fragt, was aus ihm geworden ist. Der alte Boxer gibt zum Besten, wie Galveston Joe sich aus dem Boxgeschäft zurückgezogen und ein Vermögen im Ölgeschäft in Südamerika verdient hat. Der Junge ist begeistert. So etwas schwebt auch ihm vor: ein berühmter Boxer werden und viel Geld verdienen. Der Trainer kommt, schickt den alten Boxer in den Ring und erzählt dem Jungen, dass dieser alte Boxer eine Null ist, ein Glaskinn hat und den Kampf schnell verlieren wird. Und er sagt ihm, wer dieser alte Boxer früher war.

    Stück in einem Akt

    weiterlesen

  • 0
    Damen
    3
    Herren

    Escape

    Eine Sträflingsbaracke in der Abenddämmerung, draußen das Gebell der Spürhunde, drinnen die Gefangenen Big, Texas und Steve. Anhand der Geräuschkulisse versuchen die drei Häftlinge mitzuverfolgen, ob Billy es geschafft hat, ob ihr Kumpel den Weg an den Wächtern vorbei und über die Zäune hinweg gefunden hat, hinaus in die Freiheit.

    Doch die Ungewissheit dauert an, und je länger sie andauert, desto unklarer wird den Zurückgebliebenen, was das eigentlich sein soll: Freiheit. Erst versuchen sie, die Furcht mit Gezänk zu vertreiben, dann werfen sie Karten, um das Schicksal zu befragen, und schließlich greift Big mit einer Rasierklinge Texas an, weil der alle Zuversicht hat fahren lassen. Bis draußen tatsächlich die ersten Schüsse fallen.

    In dem Kurzstück „Escape“ dehnt Tennessee Williams die Zeit zwischen Anfang und Ende eines Fluchtversuchs zu einem bangen Augenblick von existenzieller Schärfe. Meisterhaft verdichten sich in diesem Augenblick die Gefühlsregungen des auf sich selbst zurückgeworfenen Menschen: Wut, Angst und eine Verzweiflung, die das Animalische im Menschen hervorkehrt – aber auch Solidarität und der berühmte letzte Funken Hoffnung.

    Kurzstück

    weiterlesen

  • 2
    Damen
    0
    Herren

    Warum rauchst du so viel, Lily?

    Mrs. Yorke versucht seit Jahren mit allen Mitteln, ihre Tochter Lily mit „den richtigen Leuten, den geeigneten jungen Männern“ bekannt zu machen, um sie unter die Haube zu bringen, und hat dafür ihren letzten Penny ausgegeben. Mrs. Yorke hat schon ihrem Mann das Leben zur Hölle gemacht. Er musste das Schreiben aufgeben, und als sie dann seine im Schreibtisch aufbewahrten Papiere findet, verbrennt sie sie. Vor der ständigen Nörgelei und den dummen gesellschaftlichen Ambitionen der eitlen Mutter nimmt Lily, die „ihrem armen Vater sehr ähnlich ist“, Zuflucht bei den Zigaretten. Sie raucht und raucht und raucht aus Verzweiflung. Die Mutter nörgelt weiter: „Lily, warum rauchst du so viel?“ Als sie dann zum Friseur geht, bleibt Lily allein in der Wohnung zurück – und steckt sich eine Zigarette nach der anderen an. Am Ende hört Lily in der leeren Wohnung Stimmen – oder genauer DIE Stimme ihrer Mutter, die endlos weiternörgelt. Lily merkt, wie sie langsam wahnsinnig wird. Als die Mutter zurückkommt, ist die Wohnung still und von bläulichem Dunst erfüllt…

    Stück in einem Akt

    weiterlesen

  • 2
    Damen
    6
    Herren

    Das große Spiel

    Tony, ein junger, energiegeladener Football-Spieler, ist kurz davor, aus dem Krankenhaus entlassen zu werden. Das kommt für ihn gerade rechtzeitig, denn am Wochenende steigt das große Spiel, das Saisonfinale der Washington Bears. Dave und Walton hingegen, Tonys Bettnachbarn, müssen bleiben: Kumpel Dave hat einen angeborenen Herzfehler, das Krankenzimmer ist sein zweites Zuhause geworden. Und Walton, ein Kriegsveteran, wartet auf den Chirurgen – ihm muss ein Tumor aus dem Gehirn entfernt werden.

    Das große Spiel – für Walton und Dave ist es ein Wettkampf unter verschärften Bedingungen, ein Ringen mit der Hinfälligkeit des eigenen Körpers. Walton, dessen Chancen denkbar schlecht stehen, klammert sich an die Hoffnung auf eine glückliche Wendung in letzter Minute. Zugleich lehrt er den entmutigten Dave, den Tod aus einer neuen Perspektive zu betrachten: als ein nur winziges Ende in der Endlosigkeit des Universums. Als Waltons Bett nach der OP jedoch leer bleibt, ist Dave in seinem Kampf ganz auf sich allein gestellt…

    Der Blick, den Tennessee Williams in „Das große Spiel“ auf das Leben und das Sterben wirft, ist liebevoll – und zugleich ohne jede Sentimentalität. Denn dieser Blick erfasst sowohl die Absurdität eines Daseins, dessen Spielregeln grausam sind und letztlich dunkel bleiben, wie auch dessen Heiterkeit und das kurze Glück, trotz allem das „große Spiel“ mitzuspielen.

    Stück in einem Akt

    weiterlesen