Stück Kategorie: Schauspiel

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    Der Rückzug aus Moskau

    Warum ist Edward, ein Geschichtslehrer Ende Fünfzig, so fasziniert von den erhalten gebliebenen Augenzeugenberichten des Rückzugs der Grande Armée Napoléons aus Moskau im Eis und Schnee des russischen Winters? Und warum reagiert Alice, seine langjährige Ehefrau, so allergisch auf diese ihrer Meinung nach abartige Passion? Toleriert Edward denn nicht auch ihre Liebe zur Lyrik? Sie schüttelt Gedichte nur so aus dem Ärmel und hält damit durchaus nicht hinter dem Berg. Ihre Kenntnisse sind beeindruckend, doch wo bleibt Alice, die liebende Gattin und Hausfrau, wenn sie wie besessen an einer Gedichtanthologie arbeitet und als gute Katholikin keine Messe versäumt? Trotz allem: Eine harmonische Ehe von Bildungsbürgern, tolerant und offen, so sollte man meinen, doch eine spitze Bemerkung hier, ein bissiger Seitenhieb da – allmählich bröckelt die ach so heile Fassade, bis Edward ziemlich unvermittelt gesteht, dass er eine andere Frau kennen und lieben gelernt und bereits die Koffer gepackt hat. Ein Unfall, wie er behauptet, doch für Alice bricht eine Welt zusammen.


    Woran könnte es Edward in all den Jahren gefehlt haben? Führten sie nicht die „fröhliche“ Ehe, wie er sie wünschte? Eine Hochzeitsreise nach Indien, Gedichte inklusive, ein wohlgeratener Sohn, was will er mehr? Na gut, ein paar kleine Zugeständnisse könnte sie ja machen, und man lebt weiter zusammen „bis dass der Tod euch scheidet.“ Aber Edward zieht aus. Alice, die verlassene Frau, kann sich nicht mit ihrer Situation abfinden, sie leidet furchtbar und ist stark suizidgefährdet, bis sie sich für die Aids-Beratung engagiert – Gedichte inklusive, doch nun für ein willigeres Publikum. 


    Jamie, der Sohn, wird mit in den Strudel gerissen, soll helfen und schafft es nicht, soll Partei ergreifen, wo er nicht Partei ergreifen will und kann. Die allmähliche Demontage dieser scheinbar so glücklichen Ehe stürzt den Zuschauer in genauso ein Wechselbad divergierender Sympathien wie Jamie, der am Ende gestehen muss: Ich liebe euch beide und hätte euch so gern geholfen, aber es war mir nicht möglich, denn ich bin euer Kind.


    Nicholson verknüpft das sich entfaltende Ehedrama mit der existenziellen Frage des historischen Rückzugs aus Moskau: Ist es dem Stärkeren gestattet, den Schwächeren im Stich zu lassen, wenn Zusammenbleiben den sicheren physischen-oder psychischen-Tod bedeutet?


    Stück in 2 Akten

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    Groupie

    Matty Beancourt, Ende Fünfzig, lebt allein in einer kleinbürgerlich geprägten Stadt zwischen London und Birmingham. Ehemals Hausfrau und Mutter, ist sie heute begeisterte Oma. Sie hat ein liebenswürdi­ges Wesen, ist naiv und empfindsam, temperamentvoll und mitteilsam. Sie gehört zu den Menschen, die ohne Bitterkeit sind, auch wenn ihre Träume sich nicht erfüllt haben.

    Mark Gorman, in den Sechzigern, Künstler, vertraut mit Erfolg und Berühmtheit, lebt in einem viktorianischen Haus im Süden Londons. Er ist gebildet, streng, hat einen sarkastischen Humor und seine Launen.

    Mark Gorman hat seine Autobiographie geschrieben. Matty Beancourt hat sie gelesen und darin die Orte ihrer Kindheit wieder gefunden. Sie schreibt Mark Gorman, um ihm zu sagen, was bei der Lektüre seines Buches alles in ihr wachgerufen wurde. Er antwortet zurückhaltend, höflich. Matty, überglücklich, schreibt ihm erneut, teilt ihm ihre Gefühle und Gedanken mit, bezieht sich immer wieder auf das Buch. Es entwickelt sich ein Briefwechsel zwischen den beiden. Mattys Briefe sind spontan, überschwänglich, springen von Thema zu Thema. Mark schreibt weniger häufig, seine Briefe bleiben knapp, sind gelegentlich belehrend, dann wieder sehr charmant und in jedem Fall witzig. Mark wird mehr und mehr zum Zentrum von Mattys Leben. Sie wiederum amüsiert ihn durch ihr unhaltbares Mitteilungsbedürfnis, und die Bedeutung, die er für sie hat, schmeichelt ihm. Der Tag kommt, an dem Matty bittet, Mark besuchen zu dürfen. Mark wehrt ab. Doch wenig später macht Matty sich trotzdem auf den Weg. Überrascht steht sie vor einem völlig verwahrlosten Haus, traut sich nicht, zu klingeln und kehrt um. Beim nächsten Mal kommt sie besser ausgerüstet, mit einem selbst gebackenen Kuchen. Obwohl ungehalten über ihr Erscheinen, schickt er sie nicht weg. Matty erfährt nun, dass Mark Gorman, der berühmte Maler, in Vergessenheit geraten ist und in Armut lebt, weil seine Bilder sich nicht mehr verkaufen. Einerseits enttäuscht, sieht sie andererseits gerade darin die Aufforderung, weiter in sein Leben einzudringen, um zu helfen, was jedoch ganz und gar gegen Marks Prinzipien und seinen Stolz verstößt. Es bleibt ein Spiel aus Anziehung und Ablehnung. Das Stück endet damit, dass Matty sich von Mark porträtieren lassen und dafür mit ihren Ersparnissen bezahlen will, während Mark von Matty verlangt, sich auszuziehen. Es beginnt ein Katz-und-Maus-Spiel, wer wessen Wunsch inwieweit nachkommt. (Carola Regnier)

    2 Akte

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    Crash 3597 – Eine unerhörte Begebenheit

    An einem eisigen Januarmorgen ist der Crossair-Flug 3597 aus Berlin in der Nähe des Flughafens Zürich abgestürzt. Der zweistrahlige Jet, so melden die Presseagenturen, hat beim Landeanflug in dichtem Schneesturm eine Hügelkuppe gestreift und ist explodiert: 44 Tote, darunter eine mehr oder weniger berühmte Popsängerin.

    24 Stunden später sind mit dem gleichen Crossair-Flug 3597 die ersten Hinterbliebenen aus Berlin in Zürich eingetroffen, wo sie von Betreuern der Flughafenpolizei in Empfang genommen werden. So begegnen sich – in einem ernüchternd kahlen Büroraum – der Augenarzt Burkhard Seitz, dessen Ehefrau und Praxispartnerin Marlis zu den Absturz-Opfern gehört, und die Modegeschäftsfrau Constanze Vonderthann, die ihren aus Ungarn stammenden Mann Alex verloren hat. Befangen in ihrem Leid mustern sie einander aus vorsichtiger Distanz.

    Um die beiden bemüht sich einerseits der in Routine kahl gewordene Polizeihauptmann Zbinden, seine Ratlosigkeit vor dem Schmerz der Überlebenden hinter der Umstandskrämerei einer „bürokratischen Aufarbeitung des Unglücks“ verbergend, und andererseits die junge Polizeipsychologin Marguerite Wyss, die besten Willens ist, den Leidtragenden mit Fürsorge und Mitgefühl beizustehen, „damit sie nichts Unüberlegtes tun“. Dass die beiden Uniformierten ihrer Aufgabe wenig gewachsen sind, zeigt sich rasch: Während Dr. Seitz, der sich selbst Schmerzlosigkeit verordnet hat, unter dem Einfluss von Tranquilizern zu delirieren beginnt, stellt Constanze Vonderthann, mit der Wucht der verweifelten Witwe auftrumpfend, die Frage nach der Schuld und fordert Rache.

    Was kann Trauerarbeit sein? Welche Nähe, welche Zuneigung kann aus einer Situation erwachsen, für die es erst einmal keinen Begriff gibt? Satz um Satz tritt aus kleinen Hilflosigkeiten, Missverständnissen, Unmöglichkeiten – als Kehrseite der Verzweiflung, mit dem Entsetzen scherzend – eine erlösende Komik hervor. Was in der ersten Sekunde die Katastrophe zu krönen scheint, erweist sich schon in der zweiten paradoxerweise als befreiend: Die Entdeckung, dass Marlis Seitz und Alex Vonderthann als heimliches Liebespaar aus ihren Ehen geflohen sind.

    Auf einen Schlag müssen Witwe und Witwer, die trauerbleichen Hinterbliebenen, sich als Verratene und Betrogene erkennen: Das Bild ihrer Ehen, in denen sie sich sicher geglaubt hatten, ist wie ein Kartenhaus zusammengeklappt; aus dem Stand heraus müssen sie ein neues von sich selbst und ihren Partnern entwerfen. Welche Neugier hat Marlis – abgesehen von ihrer Neigung zu asiatischer Küche und asiatischem Kunsthandwerk – umgetrieben? Und welche unentdeckten Interessen hat der allzu charmante Radsport-Enthusiast und Luftikus Alex heimlich verfolgt?

    Trauerarbeit als Überlebensmaßnahme: Ein Stück, das mit dem Flor der Betretenheit zu beginnen schien, entpuppt sich von Szene zu Szene lustvoller als Charakterkomödie. Auf der einen Seite der untadelige Facharzt und Frauenversteher Burkhard, auf der anderen die berlinerisch temperamentvolle Businessfrau Constanze: Erzählend scheinen sie Gemeinsamkeiten zu entdecken. Naturgemäß richtet sich ihre Erinnerungs- oder Phantasiearbeit auf den Augenblick, wo Marlis und Alex einander zuerst begegnet sind (im Hauptbuch des Schicksals könnte dieser Augenblick als „Crash 3596“ vermerkt sein), und komödiengemäß scheint, was auf der Bühne verhandelt wird, auf einen „Crash 3598“ zuzusteuern. Constanze: „Sagen wir mal: Man muss ja nicht an die Liebe glauben, um sich für sie zu interessieren.“

    Die beiden zufälligen Zeugen dieser unerhörten Begebenheit – der schweizerisch-melancholische Dienstvorschriftshüter Zbinden und die attraktive junge Psychologin Wyss, die ihren Berufsfrust durch überraschenden Sinn für Extravaganzen kompensiert – werden rasch so tief in den Wahrheitsfindungs-Prozess hineingezogen, dass man sagen kann, dieses Stück, das vor allem ein Stück für Schauspieler sein will, habe vier Hauptpersonen.

    Sieben Szenen

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    Tilly – Ewig die Lulu

    Es gab Tage und Wochen, da war diese Ehe die Hölle. Eifersucht bis zur Krankhaftigkeit, Misstrauen bis zur Paranoia, ein Leben zwischen Kunst und Wahn, Bürgerlichkeit und Selbstzerfleischung: die Ehe zwischen Frank und Tilly Wedekind, geborene Newes. Dabei war Tilly eine selbstbewusste, schöne und bis zu ihrem Lebensende sinnliche und wilde Frau, vor der bis zu ihrer Begegnung mit Wedekind eine vielversprechende Karriere als Schauspielerin lag. Nach Wedekinds Tod stürzte sie sich in ihr neues Leben und hatte zahlreiche Affären, unter anderem mit Gottfried Benn.

    Das Stück „Tilly – Ewig die Lulu“ spielt an Tilly Wedekinds 80. Geburtstag. Tilly ist noch immer eine agile, attraktive Frau, der man ihr wahres Alter nicht ansieht. Sie bereitet sich auf die Feier in einem Restaurant vor, ihre Münchner Wohnung ist bereits ein Blumenmeer. Da erhält sie überraschenden Besuch. Unangemeldet steht vor ihr der Mann, mit dem sie seit einigen Monaten eine leidenschaftliche und stürmische Beziehung verbindet: der Maler und Bildhauer E. Andreas Rauch, der ihre Büste anfertigen soll und dem sie beim Modellstehen näher gekommen ist. Die beiden verbringen eineinhalb Stunden miteinander, lachen, streiten, tanzen miteinander, diskutieren, offenbaren sich ihre Gefühle, albern herum, graben in Tillys Vergangenheit und spielen – als Höhepunkt – eine Szene aus Wedekinds „Lulu“, Tillys jahrelanger Paraderolle. Rauch ist verliebt in Tilly, und Tilly ist verliebt in Rauch. Tilly bleibt aber skeptisch: zu oft wurde sie von den Männern, die sie liebte benutzt, unterdrückt, mißverstanden und betrogen. Doch Rauch schwört ihr, bei ihm sei alles anders… (Sabine Wagner)

    „Sabine Wagner studierte Publizistik und Germanistik in Berlin und lebt als freie Journalistin und Autorin in Berlin und Österreich. Sie arbeitete u.a. für“ SFB, Tagesspiegel, Süddeutsche Zeitung, Magazin Süddeutsche, Die Woche „und „Stern“.

    „Tilly – Ewig die Lulu“ ist ihr erstes Theaterstück.“


    RAUCH   Nein, nein, nein, Frau Wedekind, so nicht!

    TILLY   Ich habe dich nicht herein gebeten!

    RAUCH   Das ist mir egal! Ich lass mich doch nicht einfach so von dir abservieren!

    TILLY   Und ich lass mich nicht von dir malträtieren! Das habe ich mir lange genug gefallen lassen!

    RAUCH   Da kann ich doch nichts für! Ich habe jedenfalls langsam die Nase voll, mich immer mit deinen Exmännern und Exliebhabern vergleichen zu lassen! Ist doch nicht meine Schuld, dass du nur mit Arschlöchern zusammen warst!

    TILLY   Sie waren keine Arschlöcher, sie waren Männer! Kommt vielleicht nur manchmal aufs gleiche raus.

    RAUCH   Ach, hör doch auf mit deinen Spitzfindigkeiten, mit deinen beleidigenden!

    TILLY   Mein ganzes Leben lang habe ich zugelassen, dass die Männer Macht über mich haben. Über mich, mein Leben, meinen Beruf, meine Gefühle, meine Gedanken. Ich will das nicht mehr. Bevor ich Wedekind kennenlernte, war ich ein selbständiger Mensch, der sich selbst erhalten konnte und es aus eigener Kraft zu etwas gebracht hatte. Später aber war und wurde ich nur noch durch ihn. Selbst war ich nichts mehr! Diese Abhängigkeit. Dieses Kleinmachen vor dem Mann. Jahre habe ich gebraucht, um das wieder loszuwerden, Jahrzehnte! Ich will das jetzt nicht mehr. Ich bin zu alt.

    RAUCH   Tilly, Liebste.

    TILLY   Schon gut.

    RAUCH   Ich wollte dir nur zeigen, dass du mir nicht gleichgültig bist. Es gibt Frauen, die mögen das.

    TILLY   Die waren auch nicht mit Frank Wedekind verheiratet.

    RAUCH   Das ist doch jetzt schon so lange her.

    TILLY   Das vergisst man nicht. Es hat sich eingebrannt. Ganz tief. Es war ein Alptraum, manchmal.  (Imitiert mit lauter Stimme Wedekind) „Mich auf Reisen ohne Nachricht zu lassen, ist ebenso unanständig, als wenn ich Dich ohne Geld ließe, oder Dir die Tür vor der Nase zuschlüge. Ich habe Deine Unanständigkeiten gründlich satt. Mit welchem Recht gehst Du in meinem Hause aus und ein? Frank Wedekind!“

    RAUCH   Idiot.

    TILLY   Und nur, weil er zu blöd war, das Paket aufzumachen, in dem sich sein Mantel und meine Briefe befanden.

    Tilly Wedekind und E. Andreas Rauch

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    Brooklyn Boy

    Alles bestens für den Romancier Eric Weiss: Ricky aus Brooklyn hat es geschafft. Er hat sich von den Fesseln seiner kleinbürgerlich-jüdischen Kindheit und Jugend [„Mein Vater ist nur ein Verkäuferle in einem Schuhgeschäft…“] befreit. Sein dritter Roman „Brooklyn Boy“, der dem Stück den Titel gibt und eben jenes enge Kleinbürgermilieu, aus dem er stammt, in Literatur verwandelt hat, steht auf der Bestsellerliste der „New York Times“. Mit dieser frohen Botschaft und einem Exemplar des Buches kehrt er nach Brooklyn zurück und besucht seinen alten, kranken Vater im Maimonides Hospital. Natürlich, wie es sich für einen guten Sohn gehört, um sich nach Papas Wohlergehen zu erkundigen, sich um ihn zu kümmern. Aber auch, um sich ein spätes väterliches Lob abzuholen. „Seit wann gibt es einen Platz Elf auf der Bestsellerliste?“ ist Mannys sarkastisch-skeptische stachlige Abwehrreaktion. Zwischen Vater und Sohn ist offenbar wohl schon lange nicht alles bestens. Und während der Vater sich aufs Ende gefaßt macht, bereitet sich Sohn Eric auf die Fortsetzung seiner Lesereise und den Besuch Hollywoods vor; sein Roman soll verfilmt werden.

    Doch vor das erfolgreiche Happy Ending haben die Götter Prüfungen gesetzt, Stationen, die es zu bewältigen gilt:
       ob im Krankenhaus das Zusammentreffen mit seinem alten Schulfreund Ira Zimmer: Der besucht seine kranke Mutter, erkennt sich in dem Roman wieder, ist inzwischen Familienvater und ziemlich streng religiöser Jude geworden, hat eher widerwillig den väterlichen Imbiß, sprich Delikatessen, übernommen und sich in seinem Leben eingerichtet; Zimmer gemahnt an die alten Zeiten, die Ricky ganz anders in Erinnerung hat;
       ob in der ehemals ehelichen Wohnung mit Nina, seiner Noch-Frau, selbst Schriftstellerin, aber ohne Bestsellererfolg, die die Scheidung eingereicht hat und partout nicht mit ihm zu Abend essen, sondern die Wohnung von seinem Kram geräumt sehen will;
       ob im Hotelzimmer in Hollywood mit dem weiblichen Fan Alison, der nach der Romanlesung Rickys mit aufs Zimmer gekommen ist, nur den zukünftigen Erfolg im Filmgeschäft im Kopf hat und nicht genau weiß, soll sie oder soll sie nicht, und Ricky weiß es auch nicht, schickt sie dann aber nach Hause;
       ob in Hollywood im Büro der Produzentin des geplanten Films, Melanie Fine, selber jüdisch, die aber den jüdischen Aspekt im Sinne eines Main-Stream-Interesses gedämpft sehen möchte und den blonden TV-Serienstar Tyler Shaw für die Hauptrolle präsentiert, der sich heftig mit Hilfe seines Friseurs – dunkle Locken – und eines Dialekt-Coachs auf die Rolle vorbereitet hat und ganz aus dem Häuschen ist, den Autor kennenzulernen (ohne den Roman gelesen zu haben). Und wo es bei der Lesung des Drehbuchs mit verteilten Rollen an der kritischen Stelle – der Auseinandersetzung mit dem Vater im Friseursalon, als der junge Eric Brooklyn in Richtung College verläßt – bei Ricky zur emotionalen Krise kommt und er
    fluchtartig das Büro verläßt.

    Wohin?

    Natürlich in die Wohnung seines inzwischen verstorbenen Vaters, die ausgeräumt werden muß: Letzte Station, letzte Prüfung. Und dort taucht nicht nur Schulfreund Ira auf, um ihm bei der Trauerarbeit – der Schiwa – beizustehen. Es erscheint ihm auch sein Vater, geht mit ihm durch die Zimmer, öffnet sein Herz, so gut er kann. „Dad, warum konnten wir uns nie so unterhalten, als du noch am Leben warst?“ ist Erics Frage an den Vater. Doch der sagt nur achselzuckend: „Das Leben ist halt nicht so… Du wärst nicht du, wenn wir uns unterhalten hätten, du wärst ein anderer….“ Und ist verschwunden. Eric Weiss bleibt allein zurück, findet den Zettel, den ihm Ira dagelassen hat, setzt die Jarmulke auf und liest vom Zettel das Kaddisch. Ende.

    „You Can’t Go Home Again“/“Es führt kein Weg zurück“ So Thomas Wolfe mit seinem klassisch gewordenen Roman und Titel (nein, nicht Tom Wolfe). „Nicht versöhnt“ nannten die Straubs ihre Böll-Verfilmung von „Billard um halb zehn“. Gibt es den oft beschworenen Dritten Weg, der persönliches Glücksstreben, den Wunsch nach Zukunft, mit den Wurzeln, vereint? Donald Margulies liefert mit „Brooklyn Boy“ einen dramatisch-komischen mehrstimmigen Vorschlag, ganz selbst und frei und trotzdem der eigenen Geschichte treu zu sein.

    Stück in 2 Akten

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    Lieber weit weg

    Es war ein Vater, der hatte drei Söhne. Bren, Kev und Andy.


    Fernab von irischen Harfen und grünen Wiesen erzählt Gerald Murphy die Geschichte einer Familie aus den ärmeren Gegenden Dublins von heute. Es geht um die Suche nach jener Wahrheit, die durch das enge Netz der Familienbande entschlüpft, dort, wo das Gesetz des Schweigens herrscht, wo Tabus wie Grenzsteine stehen. Die Beteiligten schonen sich nicht. Mit einem Humor, scharf wie ein Skalpell, zerteilen sie die Wortgebäude der anderen, um etwas freizulegen, das einen sicheren Tritt für den nächsten Schritt in die Freiheit bieten kann.


    Früher Morgen. Bren, der Älteste, kommt von der Arbeit nach Hause. Er hat die ganze Nacht vor einem Monitor gesessen und einen Parkplatz überwacht. Jetzt entspannt er sich an seinem Computer mit Fotos aus dem Internet. Es klingelt. Sein Bruder Andy steht vor der Tür. Er ist schon betrunken. Was will er hier? Der Vater hat alle für heute Nachmittag um Vier in Brens Haus bestellt. Warum? Irgend etwas stimmt mit der Mutter nicht. Sie soll im Krankenhaus sein. Was hat sie denn? Andy weiß es nicht. Vielleicht was mit der Lunge, vielleicht die Wechseljahre, oder so. Wird sie sterben? Geht es um Geld? Eine Erbschaft? Andy vermutet so etwas. Kev, der Jüngste, weiß auch nicht mehr. Also sitzen sie und warten auf den Vater und erzählen sich, was sie so machen jetzt.


    Andy ist Schweißer, mit Frau und Kind.


    Bren steht kurz vor der Beförderung.


    Kev, der Star der Familie, Mamas Stolz, arbeitet für eine amerikanische Firma. Was mit Computern, oder so. Was verdient man da?, will Andy wissen und bekommt keine Antwort darauf.


    Endlich trifft Eddie, der Alte, ein. Er hat seine Söhne lange nicht gesehen. Sie sollen sich waschen und ordentlich anziehen, und sobald Andys Frau mit dem Kind da ist, werden sie alle zusammen zur Mutter gehen.


    Was hat Mam denn? Wo ist sie nur? Geht es ihr gut?


    An diesem Nachmittag rutschen alle vom hohen Reck ihrer Lebenslüge ab. Es kommt zu einem Moment of Truth, der alles umstürzt, was bis dato zum Sprachgebrauch der Familie gehörte. Scheinbar kann von nun an nichts mehr so bleiben, wie es war, und doch verabschieden sich am Ende alle Beteiligten mit einem Achselzucken aus der Katastrophe. Nicht einmal zu einer Erkenntnis hat es gereicht.


    Die allgegenwärtige Abwesenheit der Mutter tränkt das Stück mit Unwirklichkeit. Der Vater und seine drei Söhne fügen sich zusammen wie die Splitter eines zerbrochenen Spiegels.


    Ihre bohrende Naivität erzeugt pralle Komik.


    Ein Fest für Schauspieler.


    „Pressestimmen aus Edinburgh 2004 über >Take Me Away<:“


    Charles Spencer, „Daily Telegraph“: „It is a cracker, at once wildly funny and desperately bleak…. hugely entertaining, and often laugh-out-loud funny, but beyond the laughter lies a wasteland of masculine inadequacy, greed and selfishness – I suppose what one is always looking for on the Fringe is the distinctive new voice, the writer with his own individual take on the world, and a talent that looks as though it might develop and endure. They crop up infrequently, and when you hit on one, the excitement is palpable. Gerald Murphy strikes me as being just such a dramatist.“


    Sam Marlowe, „The Times“: „Beneath the humour there’s a sharp suggestion that the men’s sense of futility, resentment and dislocation may have consequences that are deadly serious … Go and see it, and laugh till it hurts.“


    Susannah Clapp, „The Observer“: „The funniest play on the Fringe.“


    Joyce McMillan, „The Scotsman“: „A fast, funny, sad and brilliant comedy about the collapse of family life in the new, materialistic Ireland.“



     




    Stück in 4 Szenen

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    Armer Beck

    Ein dunkler, schmutziger Tunnel. Drei Personen tasten sich vorsichtig voran. Myrrha, eine junge Frau, wird von ihren Eltern, dem blinden Cinyras und Cenchreis ermahnt, nichts zu berühren, Handschuhe zu tragen. Alles birgt Tod.

    Nach einem Atomkrieg haben sich die wenigen Überlebenden in Schächte und Stollen unter der Erde zurückgezogen und führen ein kümmerliches Dasein mit dem Wenigen, was sie retten konnten. Die Sprache der Figuren ist geprägt von der Horizontlosigkeit des Stollendaseins und dem Schock nach der Katastrophe. Gesellschaftliche Regeln und Moralvorstellungen sind aufgeweicht, ein wirkliches Leben scheint kaum mehr möglich.

    Ein Wörterbuch, das Myrrha findet, erscheint ihr, die unter der Erde geboren wurde und nur die Dunkelheit kennt, wie eine Bibel, die alles beinhaltet, was es auf der Erde geben sollte. Sie stellt ihren Eltern andauernd Fragen über die Dinge, die es früher gegeben hat.
    Die Erdoberfläche wird für die im Untergrund Lebenden zum Himmel, zum Heilsversprechen. 

    Auch Cinyras, der bei der Katastrophe sein Augenlicht verloren hat und dessen Liebe zu seiner Frau Cenchreis erloschen ist, glaubt, dass er das, was ihm fehlt, nur zurückbekommt, wenn er an die Oberfläche zurückkehren kann. Er ist eine Art Politiker, der seinen Anhängern verspricht, sie nach Oben zurückzuführen.

    Myrrha ist voller Bewunderung für ihren Vater, der sich nicht mit seinem Schicksal abfindet. Obwohl sie nicht an eine Rückkehr glauben kann, möchte sie für seine Sache kämpfen. Sie liebt ihren Vater, glaubt aber, dass sie dies nicht offen zeigen darf.

    Myrrha trifft den Armen Beck, der getrocknete Pflanzen und Leder besitzt und auf eine noch rudimentärere Art spricht als ihr Vater und ihre Mutter. Der Arme Beck behauptet, von der Oberfläche gekommen zu sein, und weckt bei allen Hoffnung auf ein wirkliches Leben.

    Der Arme Beck liebt Cenchreis. Auch sie glaubt ihm, dass er von Oben kommt und hofft, dass er sie alleine mit nach oben nimmt.

    Myrrha weiß nichts von der heimlichen Beziehung zwischen dem Armen Beck und ihrer Mutter und will, dass Cinyras den Armen Beck kennenlernt, da er helfen kann, die Leute zurückzuführen. Cinyras lässt sich vom Armen Beck überzeugen, dass die Oberfläche wieder sicher sei.

    Als Myrrha mit Hilfe des Wörterbuches herausfindet, dass der Arme Beck lügt und die Oberfläche gar nicht kennt, hält der Arme Beck sie davon ab, dies ihrem Vater zu erzählen, weil er sonst ihrer Mutter verraten würde, dass Myrrha Cinyras liebt. Dafür organisiert der Arme Beck ein heimliches Treffen zwischen Myrrha und ihrem blinden Vater.

    Zwischen den vier Figuren spinnt sich ein Netz aus Lügen und Sehnsüchten nach unlebbaren Beziehungen und der utopischen Oberfläche.

    „Armer Beck“ ist faszinierend in seiner klaustrophobischen Grundanordnung, in der die großen alttestamentarischen Themen wie Exodus, Messianismus und Inzest in einer dunklen Zukunftsvision abgehandelt werden.

    In den dunklen Stollen sind die Figuren sich ausgeliefert, und ihre Lügen und Halbwahrheiten werden ihnen zwangsläufig zum Verhängnis. Die Sprache ist zugleich kunstvoll degeneriert und archaisch. Sie bringt mit poetischer Genauigkeit die Versehrtheit und den Mangel wie auch die ungelebten und unmöglichen Sehnsüchte der Eingeschlossenen zum Ausdruck.

    Stück in 19 Szenen

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    Schlagzeilen

    Im Redaktionsbüro einer großen Boulevardzeitung.

    Drei Redakteure, eine Justitiarin, ein pikantes Promi-Foto.

    Es ist kurz vor Redaktionsschluss. Die Zeit läuft.

    Soll das Foto zum Aufmacher werden?

    Die abgebildete Barbusige moderiert im Fernsehen eine Kindersendung. Für Lister, 40, eine willkommene Exklusivgeschichte. Garantiert ein Verkaufsschlager am Zeitungskiosk.

    Kollege Bas, 30, befürchtet Ärger für die Zeitung: die Moderatorin hat über ihr Privatleben eine gerichtliche Verfügung breiten lassen.

    Clever, findet Justitiarin Abigail, 30, die mit der abgebildeten Moderatorin eng befreundet ist.

    Also eine Alternativgeschichte als Aufmacher? Da wäre der Prozeß um zwei jugendliche Vergewaltiger.

    Schlussredakteur Henry, 50, ist gegen eine Änderung: er hat bereits alle Seiten der aktuellen Ausgabe korrigiert.

    Die Vier ringen. Ums Exklusive. Um Seriosität. Um die Karriere, den Anstand, die Verkaufszahlen. Die Zeit wird knapp. Die Hüllen fallen. Jeder offenbart seinen ganz persönlichen Verlust.

    Seine Eitelkeiten.

    Enttäuschungen.

    Doch die überraschendste Enthüllung geschieht erst im Moment des Redaktionsschlusses. Ganz exklusiv.
     


    SCHLAGZEILEN · Zweiter Akt
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    BAS   Jetzt wart mal ´ne Minute.

    LISTER   Wage es nicht, mich anzureden. Versuchs nicht mal. Im ganzen Jahr hatte ich keine so sexy Frontseite. Und die lasse ich mir nicht eindosen, bloß weil du keinen Mumm hast.

    BAS  Du kannst das nicht drucken.

    LISTER   Du musst mich nicht belehren, Romeo. Ich mache seit siebenundzwanzig Jahren Zeitung.

    BAS   Okay, okay.

    LISTER   Habe den Job auf die harte Tour gelernt. Die altmodische Tour. Die einzige.

    BAS   Es geht gar nicht um die Frontseite, stimmts? Seit ich hier bin, wolltest du einmal zum Schlag gegen mich ausholen.

    LISTER   Geh mir aus dem Weg, ja? Geh und moderier ´ne Talkshow. Warum musst du mein Büro verseuchen? Mit deinem heiligen Auftreten und deinem scheußlichen Aftershave.

    ABIGAIL   Jungs, ich freue mich wirklich darauf, euch beiden dabei zuzusehen, wie ihr euch gegenseitig die Scheiße herausprügelt. Aber darf ich euch daran erinnern, noch „(Nennt die Zeit)“ Minuten bis zum Anpfiff.

    LISTER   Selbst wenn es fünf vor Zwölf wäre, wär mir das egal. Diese Frontseite wird nicht angerührt.

    Stück in 2 Akten

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    Wilder Osten

    Der junge Uni-Absolvent Frank, studierter Anthropologe und so naiv wie beflissen, erscheint in einer nicht näher benannten Firma zu einem fast kafkaesken Einstellungsgespräch. Gesucht wird ein Repräsentant für Rußland, den titelgebenden vermeintlich Wilden Osten; in Rußland war Frank an Ausgrabungen beteiligt, hat die russische Seele liebgewonnen und möchte zurück in das Land.

    Die Befragung wird von zwei versierten Business-Frauen durchgeführt, Dr. Pitt und Dr. Gray, und von einer Videokamera aufgezeichnet. Eine menschliche Versuchsanordnung also, in der sich brutalisiertes kapitalistisches Denken spiegelt. Denn wie sich herausstellt, geht es nicht nur für Frank um einen Job. Die Firma ist verkauft worden. Auch Dr. Pitt und Dr. Gray kämpfen um ihren Arbeitsplatz.

    Dr. Pitt ist nach sechswöchiger Krankheitspause gerade erst in die Firma zurückgekehrt. Beide Frauen waren vor dem Unfall Pitts – der sich später als das Werk eines sibirischen Zuhälters herausstellt – nicht nur eine Art Team, sondern sie hatten auch ein Verhältnis miteinander. Jetzt versuchen sie beide, Frank auf ihre Seite zu ziehen.

    Ständiger Frontenwechsel in immer neuen Rollenspielen bestimmt das Geschehen. Gekämpft wird mit harten Bandagen; jede Gefühlsregung, jeder Trick wird zu eigenen Zwecken eingesetzt und ausgenutzt. Das hat Mamet’sches Format.

    Frank lernt das wölfische Wesen der Gesellschaft kennen. Und als er, powered by emotion und angespornt von Dr. Gray, das archäologisch-anthropologische Fundstück aus Sibirien, einen unersetzlichen schamanischen Elfenbeinvogel, den er geklaut hat, zerschlägt, hat er gewonnen. Dr. Gray bescheinigt ihm die nötige Härte und Eignung für den Job. Überleben ist alles. Jede kleinste private Regung, jedes Fitzelchen Privatleben werden dem höheren Firmenzweck untergeordnet. De Angelis zeigt das entfremdete Leben ihrer drei Figuren, die sich immer weiter vom Menschsein entfernen, je stärker sie um menschliches Überleben kämpfen.

    Eine Bewerbung

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    Die Vernissage

    „Jugendbildnis des Künstlers“ – so könnte man den Titel der deutschen Erstübersetzung des James-Joyce-Romans „A Portrait of the Artist as a Young Man“ doppelsinnig variierend reaktivieren, denn Donald Margulies stellt nicht nur den Werdegang, Bildungsgang des Malers Jonathan Waxman ins Zentrum seines Stückes, sondern auch das Schicksal des Bildes, das Jonathan als junger Mann von einem jungen Mädchen gemalt hat.

    Jonathan, ein Mann mittleren Alters, Maler und Jude aus New York, kommt nach London zur ersten umfassenden Retrospektive seines Werks in Europa. Von London aus macht er per Auto einen Abstecher aufs Land, nach Norfolk, wo seine New Yorker Jugendliebe Patricia inzwischen heimisch geworden ist – beruflich als Archäologin, privat in der Ehe mit Nick, einem englischen Kollegen. Jonathan und Patricia, von ihm immer noch Patty genannt, haben sich seit ihrer Trennung nicht mehr gesehen. Nick und Patricia haben gemeinsam gerade erst eine römische Latrine ausgegraben, eine kleine archäologische Sensation. Aber was ist das schon gegen den weltberühmten, so provokanten und damit umstrittenen Maler Waxman. Weltläufiger Glamour trifft auf kalte englische Küche in einem unzentralgeheizten Cottage.

    Und zwischen angeheiztem Kamin und Heizdecke auf der Matratze des Gastes, zwischen dem Interview des Künstlers mit der deutschen Journalistin Grete in der Londoner Galerie und dem unterkühlten Zusammenstoß mit Nick im Cottage entfaltet sich ein atemberaubend lebendiger Diskurs über die Rolle von Kunst und Künstler im heutigen Leben. Bei dem nicht nur die Moderne auf den Prüfstand gestellt wird. Oder spielen Kunst und Künstler nur eine Rolle im Betrieb? Wenn Werke ohne Ansehn des Motivs von einer Warteliste für ungemalte Bilder eines Künstlers gekauft werden? Und provokante Künstler, die sich in der Rolle des Außenseiters gefallen, längst im Mainstream gelandet sind? Was zum Teufel ist Kunst?

    Und was hat Jonathan nach so langer Zeit eigentlich zu Patricia gezogen, getrieben? Das Verlangen, die damals nie geführte Aussprache nachzuholen? Die Suche nach der verlorenen Zeit? Oder doch nur die Ahnung, daß Patricia noch jenes Bild besitzt, das er einst vor Jahren von ihr gemalt hat. Und dieses Bild, ein grundlegendes Werk seines Œuvres, wie ihm zu seiner eigenen Überraschung auffällt, hängt natürlich über Pattys Kamin. Jonathan hätte es gern für seine Retrospektive; Patricia will es nicht herausrücken. Woher nehmen, wenn nicht stehlen. Man wird sich einig. Denn der Zuschauer weiß längst: Das Bild ist Teil der Retrospektive. Das nicht chronologisch verlaufende Stück gewinnt seine Spannung aus den zeitlichen Verwerfungen der Szenen.

    Und führt dennoch zielgerichtet zurück zur Schlüsselszene, zur Urszene des ganzen Geschehens, zum Ausgangspunkt des Dramas. Vor siebzehn Jahren, als Patricia Jonathans Aktmodell war. Die unbeschwerte junge Schickse sitzt dem verklemmten jungen Juden Jonathan Modell. Er malt sie, es entsteht ein Jugendmeisterwerk, und Patricia macht den ersten Schritt, erotisch, sexuell. Man sollte doch meinen. Aber nein. Wie wir dem Stück entnehmen, ist alles anders gekommen. Und man könnte meinen, Jonathans späteres Werk, vor allem sein berühmtes Gemälde „Walpurgisnacht“ – ein Schwarzer fickt auf einem jüdischen Friedhof eine Weiße – sei eine immerwährende Rache des sich als Außenseiter gerierenden Mainstream-Malers, was übrigens auch Grete andeutet. Ob der Vorhang zugeht, weiß ich nicht; das bleibt der Inszenierung überlassen. Doch viele Fragen bleiben offen. Was nicht schlecht ist für ein Stück.

    Sicher ist, Donald Margulies zeigt in „Die Vernissage“ kaleidoskopisch, prismatisch, facettenreich ein Künstlerleben in heutiger Zeit, zwischen Selbstverwirklichung und PR-Hype. Und damit ein bißchen mehr als bloß Waxmans Erzählungen.

    Stück in 2 Akten

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