Stück Kategorie: Schauspiel

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    Das rosa Schlafzimmer

    Eine junge Frau empfängt ihren älteren Geliebten spät nachts in ihrem Schlafzimmer, überhäuft ihn mit Vorwürfen über sein Betragen ihr gegenüber, seine Lügen, seinen mangelnden Respekt und schimpft auf seine Ehefrau, von der sie in einem Telefongespräch als „Schandfleck“ bezeichnet worden ist. Sie beklagt sich, dass sie seinetwegen ihr eigenes Leben aufgegeben hat und sie in seinem Leben nur einen Zweck erfüllt: „Woher weißt du, was ich tue? Hast du mich schon mal bei Tageslicht gesehen? “ Als sie ihn kennen lernte, hatte sie Erbarmen mit ihm. Sie hat ihm Liebe gegeben, als er sie brauchte. Auf ihre Vorwürfe fällt ihm kaum ein Wort zu seiner Verteidigung ein – stattdessen macht er sich über die in ihrem Schlafzimmer vorherrschende Farbe Rosa lustig. Sie ist empört: „Du hast darauf bestanden, dass dieses Liebesnest ganz in Rosa gehalten sein sollte!“ Der Streit eskaliert – sie treibt die Situation absichtlich auf die Spitze und sagt ihm schroff, er solle sich anziehen. Sie nimmt ihm den Schlüssel zu ihrer Wohnung ab, wirft den fassungslosen Mann hinaus und knallt die Wohnungstür hinter ihm zu. Dann kommt sie ins Zimmer zurück und ruft: „Er ist weg“. Und die Tür auf der anderen Seite des Zimmers öffnet sich…

    Stück in einem Akt

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    Die Frau des fetten Mannes

    Der fette Mann Joe Cartwright, von Beruf Regisseur, und seine Frau Vera kommen am Neujahrsmorgen von einer Silvesterparty nach Hause. Obwohl er angetrunken ist, geht er gleich wieder weg, um angeblich Aspirin aus der Apotheke zu holen. Wahrscheinlich aber will er sich heimlich mit der Schauspielerin treffen, mit der er schon während der ganzen Party geflirtet hat und die in seinem nächsten Stück spielen soll. In seiner Abwesenheit erscheint Dennis Merriwether, der junge Autor dieses Stücks, der sich auf der Party in Vera verliebt hat. Er bittet sie, ihren fetten Mann zu verlassen und zusammen mit ihm das Schiff zu besteigen, das in drei Stunden in See stechen soll. Sie ist gerührt und geschmeichelt, aber nüchtern genug, um zu wissen, dass sie zu alt für ihn ist. Joe kommt wieder nach Hause, Vera schickt Dennis weg. Joe mokiert sich über Dennis, stöhnt, dass er zu fett ist, lässt sich gähnend die Schuhe ausziehen. Vera sieht resigniert einem Leben entgegen, das sie dem Abenteuer mit dem jungen Autor vorgezogen hat und das ewig so ereignislos und sprachlos weitergehen wird: „Wir müssen uns daran gewöhnen, dass wir für den Rest unseres Lebens bedeutungslose Dinge zueinander sagen.“

    Stück in einem Akt

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    Thank You, Kind Spirit

    Mutter DuClos, grauhaarig und gekrümmt, steht am improvisierten Altar einer kleinen Kapelle in New Orleans und beschwört die Geister. Ob es notorische Kopfschmerzen sind, eine anstehende große Reise, der unverarbeitete Tod der Großmutter oder eine unglückliche Liebe – für jedes Problem ihrer Gemeinde empfängt Mutter DuClos aus dem Jenseits die passende Lösung. Als Gegenleistung erwarten die guten Geister meist nicht mehr als ein „Thank you, kind spirit“, ein paar Gebete und – einen angemessenen Betrag für den Klingelbeutel.

    Heute jedoch hat sich ein böser Geist unter das Volk gemischt. Mutter DuClos hat gerade ein kleines Mädchen mit einem Schluck heiligen Lourdes-Wasser aus der Cola-Flasche von einem schwerwiegenden Knochenleiden befreit, da regt sich aus der letzten Reihe ketzerischer Widerstand: Die Weissagungen seien billige Tricks, ruft eine Frau, das Lourdes-Wasser bloß aus dem Wasserhahn und Mutter DuClos eine Alkoholikerin, die das Geld im Klingelbeutel für ihren Fusel verpfändet. Kaum ist der Zweifel gesät – da verwandelt sich die gläubige Gemeinde in einen wütenden Mob, der sich für den vermeintlichen Betrug gewaltsam rächt…

    Echte Magie oder Voodoo-Schwindel? Gute Seele oder kreolischer Scharlatan? Opfer oder Täter? – Tennessee Williams lässt den Zuschauer über Mutter DuClos im Ungewissen. So ist „Thank You, Kind Spirit“ ist nicht nur eine spitze Satire über das lukrative Geschäft mit dem Jenseits, es ist zugleich auch ein Plädoyer für die heilenden Kräfte der Magie – einer Magie des Geschichtenerzählens und der Phantasie. Mutter DuClos’ Kapelle wird dabei zum Sinnbild einer ganz anderen – jedoch nicht weniger trickreichen – Stätte der Geisterbeschwörung: des Theaters selbst.

    Stück in einem Akt

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    The Municipal Abattoir

    Ein Bürgersteig in der Abenddämmerung, es sind nur noch wenige Minuten bis zur großen Parade des Militärdiktators. Ein junges Pärchen – sie hat Tränen in den Augen, er eine Fahne in der Hand – verabschiedet sich voneinander, denn der Junge muss weiter zur Parade. Er will sich unter die Menschenmenge mischen, die Fahne hissen und unter „Viva! Viva!“- Rufen den in seiner Tasche verborgenen Revolver entleeren – sechs Schüsse, mitten ins Gesicht des Diktators.

    Unterwegs begegnet er einem ehemaligen Angestellten des Amtes für „Nationale Ökonomie“. Der Mann, graugesichtig und bieder, wurde soeben gefeuert und ist auf dem Weg ins Städtische Schlachthaus, ein berüchtigtes Straflager für politische Feinde des Regimes. Den Angestellten, dessen einziges Vergehen es war, um Gnade für seine zwangsprostituierte Tochter zu bitten, erwartet dort die Höchststrafe: seine Hinrichtung. Alle Versuche des jungen Rebellen, den armen Todeskandidaten zur Flucht zu bewegen, scheitern. So bleibt scheinbar nur ein Ausweg: der Angestellte muss als Attentäter selbst in den bewaffneten Widerstand…

    Der heldenhafte Idealist hat die Rechnung jedoch ohne sein verzagtes Gegenüber gemacht – ein gefügiger Untertan, der dem Herrschaftsanspruch des Tyrannen nicht die Stirn zu bieten vermag. Selbst dann nicht, wenn es um das nackte Überleben geht. „The Municipal Abattoir“ von Tennessee Williams wagt sich an die radikalste Form des Kampfes zwischen Individuum und Staat: das Attentat als verzweifelter Aufschrei derer, die keine Stimme haben.

    Kurzstück

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    Adam and Eve on a Ferry

    Auf einer Fähre von Oakland nach San Fransisco begegnet die junge Ariadne Peabody dem Mann ihres Lebens. Einem groß gewachsenen, selbstsicheren Unbekannten, der sie mit entwaffnender Direktheit erst umarmt und ihr dann seinen Namen sowie Zeit und Ort für ein Rendezvous ins Ohr flüstert. Doch kaum ist der Fremde verschwunden, hat Ariadne, viel zu benebelt von ihrem unverhofften Glück, den Faden verloren – Name und Treffpunkt sind vergessen.

    Zwei Jahre und einige verzweifelte Erinnerungsversuche später reist die unglückliche Ariadne eigens nach Südfrankreich zu einem Spezialisten in Beziehungs- und Geschlechterfragen: dem von ihr glühend verehrten Schriftsteller D.H. Lawrence. Tatsächlich nimmt sich Lawrence, der eigentlich im Ruhestand und hauptsächlich mit Stickereien beschäftigt ist, ihrer Sache an. Auf der Suche nach dem verschollenen Namen durchleuchtet Lawrence – eines Sigmund Freud würdig – alle dunklen Gassen und verborgenen Winkel in Ariadnes Unbewusstem…

    Mit „Adam and Eve on a Ferry“ erfüllt sich Tennessee Williams auf der Bühne einen Wunsch, der ihm im Leben verwehrt geblieben ist: D.H. Lawrence starb, bevor Williams, dessen Werk ihm wichtige Impulse verdankt, den Schriftsteller treffen konnte. Zugleich widmet sich Williams mit der Geschichte der beiden Liebenden auf der Fähre – in kunstvoller Verdichtung – jenem Thema, das ihn mit Lawrence so innig verbindet: der ursprünglichen Reinheit des Gefühls und der Vertreibung aus dem Garten Eden durch die Tabus und Konventionen der Gesellschaft.

    Stück in einem Akt

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    And Tell Sad Stories of the Deaths of Queens

    Für den Transvestiten Candy Delaney stehen harte Zeiten ins Haus: Nicht nur, dass er von seinem väterlichen Mäzen und Boyfriend Sidney verlassen wurde, es nähert sich auch noch der gefürchtete fünfunddreißigste Geburtstag mit Lichtgeschwindigkeit. Um schnell das innere Gleichgewicht wieder herzustellen, schleppt Candy ausgerechnet den zwar gut gebauten, aber leider so gewalttätigen wie trunksüchtigen Matrosen Karl in sein liebevoll dekoriertes Heim. Allerdings stößt Candys Interesse bei Karl nicht auf Gegenliebe.

    Geld, Alkohol, oder gleich die ganze Wohnung – Candy bietet auf, was er kann, um den abgebrannten Matrosen zum Bleiben zu bewegen, und aus Ermangelung an Alternativen willigt dieser schließlich ein. Zwar ist die seltsame Übereinkunft von Beginn an zum Scheitern verurteilt, die Warnungen seiner Freunde Jerry und Alvin – ebenfalls drag queens – schlägt Candy jedoch in den Wind. Candys Unterwürfigkeit grenzt bald an Selbstaufgabe, so schamlos weiß Karl die Not seines Gönners auszunutzen. Der Spuk hat ein Ende, als Candy die Wahrheit über Karls Ausflüge mit den Schiffskameraden erfährt…

    Nirgends setzt sich Tennessee Williams so unmittelbar mit Homosexualität auseinander wie in diesem Stück – eine beeindruckende Erforschung der Spirale aus Scham und Selbstverleugnung in der gay community im Amerika der 50er Jahre. Doch die traurigen Geschichten, die Candy, Jerry und Marvin sich am Ende über den Tod der Queens erzählen, berichten nicht nur von der Homophobie der Nachkriegsjahre, sie weisen auch weit voraus in unsere Gegenwart, die sich unter dem Diktat der Börsenticker den Luxus des Andersdenkens und -lebens kaum noch leisten kann.

    Stück in einem Akt

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    The Day on Which a Man Dies

    Der Tag, an dem ein Mann stirbt, beginnt um Mitternacht: Der Mann, ein gefeierter Künstler, ringt in einem Hotelzimmer in Tokio um Inspiration und neue Ausdrucksformen. Seine Freundin, eine ehemalige Prostituierte, hat ihr Vertrauen in seine Schaffenskraft verloren – sie fragt sich längst, was ihr bleibt, wenn er nicht mehr ist. Zwischen beiden entbrennt ein Machtkampf, der auf ein furioses Finale zusteuert: getrieben von enttäuschtem erotischem Verlangen und den Exzessen seiner künstlerischen Phantasie, begeht der Mann am folgenden Tag Selbstmord.

    „The Day on Which a Man Dies“, von Tennessee Williams in der Hochphase seines öffentlichen Erfolges geschrieben und von ihm zunächst zurückgehalten, wagt Atemberaubendes: die Verschmelzung der westlichen Tragödie mit dem japanischen Nô-Theater, das vor allem Totenmesse und Geistertheater ist. Der Geist, der dieses Stück heimsucht, ist der Geist Jackson Pollocks, Begründer des Action Paintings und Freund von Williams, der – wie Williams – unermüdlich an der Ausdehnung seines künstlerischen Ausdrucks über die konventionellen Formen hinaus arbeitete – und sich dabei schier zugrunde richtete.

    Das tragische Künstlerschicksal beleuchtet Tennessee Williams jedoch aus einer radikal neuen, faszinierenden Perspektive – eben jener Perspektive des Nô-Theaters, die den theatralen Blick weglenkt von Seele und Innerlichkeit, hin zu Ritus, Zeremonie und Choreographie, also zum Körper. Bei „The Day on Which a Man Dies“ steht der Körper des Künstlers im Mittelpunkt, sein Tod schließlich gleicht einer Pollock’schen Performance: Der Künstler stürzt durch riesige Papierleinwände seinem Ende entgegen. Und aus der Tragödie des Künstlers wird unmittelbar Kunst – sie entsteht im Moment seiner Auslöschung.

    An Occidental Noh Play

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    Der größte Diamant der Welt

    In seinem alten Haus in einer Hafenstadt an der englischen Küste erhält der siebzigjährige Schriftsteller Mr. Smith Besuch von seiner ehemaligen großen Liebe Mrs.Thomas, aus der nach ihrer Trennung eine erfolgreiche Anwältin in Paris geworden ist. Zunächst scheint es, als wolle Mrs. Thomas, die gemeinsam mit ihrem Mann über den Kanal gekommen ist, dem ehemaligen Liebhaber nur einen Krankenbesuch abstatten. Aber ihr Zusammentreffen löst keine sentimentale Reise in die Vergangenheit aus, sondern eine Abrechnung mit den Erinnerungen, die höchst unterschiedlich sind. Alte Verletzungen brechen mit ungeahnter Heftigkeit auf; und es beginnt ein erbitterter Kampf um Schuld und Sühne.Mr. Smith und Mrs: Thomas können auch dreißig Jahre nach ihrer Trennung weder vergessen noch vergeben, aber sie können auch nicht voneinander lassen. Der Verlust ihrer Liebe hat ihr Leben überschattet; und alle Lügen, in denen sie sich einzurichten versucht haben, fallen bei diesem Aufeinandertreffen in sich zusammen. Gegen Ende scheint es , als würde es Mrs. Thomas gelingen, die Schuld für das Scheitern ihrer Beziehung und den Verlust ihrer Jugend Mr. Thomas nachzuweisen und seine sentimentalen und boshaften Rechtfertigungsversuche zu widerlegen. Aber dann nimmt der Kampf noch einmal eine unerwartete Wendung…


    Gregory Motton beschreibt in knappen, zugespitzten Dialogen das Drama einer zerbrochenen Liebe, deren Verlust seine beiden Protagonisten niemals verwunden haben. Trotz aller Schärfe gelingt es ihm in präzise komponierten Szenen aber auch, den düsteren Humor aufleuchten zu lassen, der unter der Oberfläche dieses Alptraumspiels flackert. Gegen das Stakkato aus Vorwürfen und Erinnerungsfetzen hat er mit musikalischem Gespür immer wieder Ruhepunkte von Annäherung und Zärtlichkeit gesetzt, die selbst seine Figuren zu verblüffen scheinen. In diesem neuen Stück hat Gregory Motton zwei große Rollen geschrieben, mit denen Schauspieler auf der Klaviatur von Kälte und Leidenschaft eine sehr gegenwärtige Gespenstersonate aufführen können.

    Stück in 10 Szenen

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    Die Eiche

    Das Rollenverzeichnis benennt die Personen: „Hypnotiseur“, „Vater“. Und weist gleich darauf hin, dass die Rolle des Vaters jeden Abend von einer anderen Person egal welchen Geschlechts gespielt werden soll. So dass der Eindruck eines nicht inszenierten Spiels entsteht.

    Dabei ist die Ausgangsposition ganz einfach Theater auf dem Theater. Der Hypnotiseur kommt mit dem zweiten Schauspieler auf die Bühne und erklärt ihm/ihr, dass gleich eine Hypnosenummer wie im Varieté beginnen wird. Der zweite Schauspieler spielt den Vater einer Tochter Claire, die bei einem vom Hypnotiseur verursachten (oder auch nicht) Unfall ums Leben gekommen ist. Der Vater hat den Hypnotiseur auf einem Plakat erkannt und soll Aufklärung fordern. Dann schickt der Hypnotiseur den Vater ins Publikum, aus dem er in der 2. Szene als Freiwilliger für die Hypnosenummer auf die Bühne geholt wird. Und das Hypnosespiel beginnt.

    Durchgespielt wird die Unfallsituation, die Erniedrigung und Erhöhung des Hypnotisierten, der sich in die Hosen macht, aber plötzlich auch Klavier spielen kann, bis man nicht mehr weiß: Wer ist wer und wer ist wessen Tochter, die der Vater, um sich zu trösten, in eine Eiche verwandelt glaubt.

    Ist die Ausgangsposition – zwei Personen auf der Bühne mit verteilten Rollen – ziemlich klar, so ist am Ende alles ziemlich unklar, wenn die beiden sich gegenseitig „hypnotisieren“. Der angestrebte suggestive „hypnotisierende“ Effekt dieser theatralen Versuchsanordnung mit Hang zum Performance-Gesamtkunstwerk ist verwirrend, wie der Hinweis auf das Kunstwerk von Michael Craig-Martin An Oak Tree, das dem Stück den Titel gibt und aus einem Glas Wasser in einem Regal mit auch dem Stück beigefügtem Text besteht. Darin behauptet der Künstler, er habe das Glas Wasser in eine Eiche verwandelt. Was ziemlich an Alice in Wonderland erinnert, wo auch behauptet wird: Ich bestimme, was die Worte bedeuten. Kunst ist, was ich Kunst nenne. Konzept-Kunst halt. Ich kenne kein ähnliches Stück Theater.

    Stück in 8 Szenen

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    Feuer an bloßer Haut

    Auch die große erotische Leidenschaft des Dichters Franz Kafka wurde nur wieder zu dem, worauf alles in seinem Leben hinauslief, zu Literatur. Seine Briefe an Milena (die ihren gingen verloren) dürfen den gleichen außerordentlichen Rang beanspruchen wie seine erzählende Prosa.

    Kafka selbst hatte nach dem Ende dieser Beziehung nur noch kurze Zeit zu leben. Er starb 1924 an seiner Tuberkulose. Milena Jesenská wurde zu einer bedeutenden Publizistin in der ersten Tschechoslowakischen Republik. Man sagte ihr ein Verhältnis nach mit dem böhmischen Kommunistenführer Klement Gottwald. Nach 1933 hat sie vielen Flüchtlingen aus Hitler-Deutschland geholfen. Gestorben ist sie 1944, als Häftling des deutschen Konzentrationslagers Ravensbrück.

    Der Text „Feuer an bloßer Haut „ist der Versuch, die nicht mehr auffindbaren Briefe Milenas wiederherzustellen. Er greift zurück auf Milenas Biografie, orientiert sich an Repliken Kafkas und an den erhaltenen Schriften Milenas: Briefen an andere, Feuilletons, Reportagen. Von einzelnen Sätzen abgesehen, wird daraus nicht wörtlich zitiert, vielmehr ging es darum, ihre Stimmungen und ihren Tonfall zu treffen.

    Herausgekommen ist eine literarische Fiktion, hergestellt aus Originalen. Erzählt wird eine der sonderbarsten Liebesgeschichten des 20. Jahrhunderts. Sie will Kafkas Briefe an Milena keinesfalls ersetzen, sie möchte vielmehr zu ihnen hinführen. Für Musiken zwischen den Abschnitten empfehlen sich Quartett- oder Klavierkompositionen von Janáček, Martinů, Skrjabin oder Ravel.

    Franz Kafka und Milena Jesenská

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